Gil Ofarim ist der Dschungelkönig 2026. Das ist die Krönung einer Täter-Opfer-Umkehr, die medial aktiv befeuert wurde.
Denn was RTL im Dschungelcamp erzählt hat, war keine neutrale Geschichte, sondern eine gezielte Verschiebung der Rollen. Gil Ofarim wurde vom Täter zum Opfer gemacht. Ein Mann, der einen Hotelmitarbeiter mit falschen Antisemitismus-Vorwürfen öffentlich beschädigt hat, durfte sich über Wochen als Leidtragender inszenieren – ruhig, kontrolliert, emotional anschlussfähig. Verantwortung wurde dabei nicht eingefordert, sondern umgangen.
In einem aktuellen ZEIT-Interview sagt der von Gil Ofarim zu Unrecht beschuldigte Markus W., er habe den Eindruck, dass sich die Wahrnehmung des Falls erneut verschiebt. Obwohl die Staatsanwaltschaft Fakten ermittelt hat, die Bestand hatten und obwohl Ofarim diese anerkannt und sich entschuldigt hat – inszeniert er sich nun wieder als Opfer. Und das mit maximaler Reichweite.
Besonders problematisch ist dabei die Rolle von RTL. Diese Umdeutung war kein Versehen. Sie war Teil der Inszenierung. Tränen bekamen Raum, Einordnung nicht. Wer den Kontext kannte, musste ihn sich selbst zusammensuchen. Wer ihn nicht kannte, bekam eine klare Botschaft: Hier sitzt jemand, dem Unrecht widerfahren ist.
Besonders deutlich wurde das in der Wiedersehensshow. Die Moderatorin Sonja Zietlow verteidigt Gil Ofarim auffallend konsequent, kritische Nachfragen bleiben aus. Es entsteht der Eindruck, als dürfe diese Geschichte nur in eine Richtung erzählt werden. Als hätten alle Beteiligten einen Maulkorb bekommen. Problematisch ist nicht nur das Schweigen, sondern die Umdeutung. Die Einzige, die Verantwortung von Gil eingefordert hat, war seine Mitcamperin Ariel. Nicht nur den meisten Mitcampern, sondern auch vielen Zuschauern stieß das sauer auf. Einige warfen ihr Mobbing vor und forderten sogar ihren Rauswurf.
Wer Verantwortung einfordert, gilt plötzlich als hart. Wer sie vermeidet, gilt als sensibel. Alte Reflexe feiern ihr Comeback: „Er war doch ruhig und nett.“ „Zu mir war er immer korrekt.“ Sätze, die wir zu gut kennen und die noch nie zur Aufklärung beigetragen haben. So entsteht ein verzerrtes Bild: Tränen wirken glaubwürdiger als Fakten, Ruhe gilt als Ehrlichkeit, Kontrolle als Wahrheit. Dabei sagt Auftreten nichts über Wahrheitsgehalt aus. Ruhig heißt nicht ehrlich. Emotional heißt nicht falsch.
RTL hat diese Erzählung nicht nur zugelassen, sondern aktiv getragen. Was als Neutralität verkauft wird, ist in Wahrheit eine redaktionelle Entscheidung. Wer Aussagen nicht einordnet, entscheidet sich aktiv für eine Wirkung. RTL hat diese Geschichte über Wochen laufen lassen – ohne echten Faktencheck, ohne klare Kontextualisierung. Stattdessen wurde Leid emotional ausgeschlachtet, während das Leid derjenigen, die den Preis für diese Inszenierung gezahlt haben, zunehmend aus dem Bild verschwand.
Das Ergebnis ist fatal. Wenn Medien Täter zu Helden machen, verschiebt sich der moralische Kompass. Plötzlich zählt das Leid dessen, der den Schaden verursacht hat, mehr als das Leid derjenigen, die ihn ertragen mussten. Am Ende wurde diese Erzählung belohnt. Mit Applaus. Mit Zustimmung. Mit einer Krone. Das zeigt sie auch in den Zahlen. Das Finale mit Gil Ofarims umstrittener Wahl zum Dschungelkönig sorgte für die höchste Reichweite seit 2020.
Reality-TV nennt sich gern Sozialexperiment. Aber wenn Inszenierung wichtiger wird als Wahrheit, dann ist es kein harmloser Eskapismus her, sondern ein Spiegel unserer Gesellschaft und der ist höchst problematisch.
Diese Krone steht nicht für zweite Chancen. Sie steht für eine Täter-Opfer-Umkehr mit Sendezeit.