Der Deutsche Buchpreis 2026: Fünf Frauen und ein Mann auf der Shortlist | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Sechs Romane, sechs ganz unterschiedliche Geschichten und doch geht es in allen um große Fragen unserer Zeit. Der Deutsche Buchpreis 2026 geht in die entscheidende Runde. Diese Bücher haben es auf die Shortlist geschafft

Der Deutsche Buchpreis 2026: Fünf Frauen und ein Mann auf der Shortlist

106 deutschsprachige Verlage haben in diesem Jahr insgesamt 180 Romane für den Deutschen Buchpreis eingereicht. Nun steht fest, welche sechs Titel es in die letzte Runde geschafft haben. Wer am Ende den Preis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres erhält, wird am 5. Oktober bekannt gegeben.

Bis dahin lohnt sich ein genauerer Blick auf die Shortlist: Von deutscher Vergangenheit und Migration über Klimakrise und Radikalisierung bis hin zu Liebe, Krieg, Sprache und politischen Umbrüchen reicht die Themenvielfalt. Wir stellen euch die sechs Romane vor.

Shida Bayzar: „Die Lücken“

Auf welchen Fundamenten bauen wir unsere Heimat auf? Mit dieser Frage beschäftigt sich Shida Bazyars Roman „Die Lücken“. Im Mittelpunkt steht Heimesbach, ein fiktiver Ort im Hunsrück, in dem sich rund neunzig Jahre deutscher Geschichte widerspiegeln. Der Roman führt von der Zeit des Nationalsozialismus über die Nachkriegsjahre bis in die jüngere Vergangenheit und erzählt von jüdischen Familien, NS-Profiteuren und später auch von Menschen, die aus dem Iran nach Deutschland fliehen.

Besonders interessant ist die Erzählperspektive: Die Erzählerin ist bereits verstorben und kehrt nach ihrem Tod nach Heimesbach zurück. Von dort aus blickt sie durch verschiedene Zeiten und auf die Lebensgeschichten der Bewohner:innen und wird so zur Beobachterin der Geschichte des Ortes. Dabei kann sie Zusammenhänge zwischen den Generationen erkennen, doch auch ihr bleiben manche Ereignisse verborgen.

Die Erzählweise steht im also Zusammenhang mit dem Titel „Die Lücken“. Sie entstehen dort, wo Geschichten nicht erzählt, Erinnerungen verdrängt oder Verbrechen verschwiegen werden. Der Roman setzt sich aus verschiedenen Perspektiven und Lebensgeschichten zusammen, die sich wie ein Mosaik zu einem Bild des Ortes verbinden. Dabei geht es um Erinnerung und Vergessen, Heimat und Zugehörigkeit, aber auch um Nationalsozialismus, Antisemitismus, Flucht und Migration. Bazyar zeigt, wie die Vergangenheit in der Gegenwart weiterwirkt und wie wichtig es ist, die Lücken in der eigenen Geschichte sichtbar zu machen.

Franziska Gänsler: „Orca“

Cora arbeitet an der Fleischtheke eines Supermarkts. Ihr Job ist eintönig, ihre Abende verbringt sie meist allein. Als sie eines Tages erfährt, dass ihre frühere Freundin Olympia wegen Terrorismus verhaftet wurde, erinnert sie sich an einen Sommer während des Corona-Lockdowns.

Damals besucht Cora dank eines Stipendiums eine Privatschule, fühlt sich dort jedoch als Außenseiterin und hat ständig Angst, nicht dazuzugehören. Dann trifft sie Olympia wieder, eine Freundin aus Kindergartenzeiten. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine enge Freundschaft. Durch Olympia lernt Cora eine Gruppe junger Klimaaktivist:innen kennen. Was zunächst mit Protest gegen die Klimakrise beginnt, wird zunehmend radikaler und führt schließlich zu Gewalt.

„Orca“ verbindet dabei Fragen nach Klima- und Chancengerechtigkeit mit der Suche nach Identität und einem eigenen Platz in der Gesellschaft. Der Roman zeigt, wie Freundschaft, Gruppendruck und politische Überzeugungen miteinander verbunden sind und wie daraus persönliche Konflikte und Radikalisierung entstehen können.

Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“

Ein Labor tief unter dem Kreml, Lenins konservierter Leichnam, ein Oligarch mit dem Traum von Unsterblichkeit und zwei Geschwister, die zwischen Berlin, Moskau und Kyjiw den Kontakt zueinander verloren haben: Valeria Gordeevs Debütroman „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ ist alles andere als eine gewöhnliche Familiengeschichte.

Im Zentrum stehen Lada und Konstantin. Während Lada in Berlin mit der Sanierung ihres Wohnhauses kämpft, bleibt Konstantin nach Beginn des russischen Angriffskriegs in Moskau. Dort arbeitet er in einem unterirdischen Labor, das Lenins Leichnam konserviert. Schon bald gerät er in Schwierigkeiten, in die auch sein Patenonkel verwickelt ist – ein einflussreicher Oligarch, der von der Idee der Unsterblichkeit fasziniert ist. Seine Pläne bringen schließlich auch Lada in Gefahr.

Der Roman behandelt Themen wie Krieg, Macht, Familie, politische Unterdrückung und die menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Dabei verbindet Gordeev ernste politische und gesellschaftliche Fragen mit einer ungewöhnlichen, teilweise skurrilen Erzählweise. Groteske, Witz, Absurdes und Surreales gehören zu den Mitteln, mit denen Gordeev dem Unrecht begegnet.

Elias Hirschl: „Schleifen“

Franziska Denk ist ein außergewöhnliches Wunderkind: Schon mit elf Jahren hat sie sich fünf Sprachen selbst beigebracht. Doch ihre Begabung hat eine ungewöhnliche Schattenseite. Sobald sie von einer Krankheit hört, entwickelt sie deren Symptome.

Gemeinsam mit ihren Eltern flieht sie vor dem Austrofaschismus in die USA, wo sie einen Brief des Mathematikers Otto Mandl erhält. Zwischen den beiden entsteht eine jahrelange Brieffreundschaft, bevor sie sich 1952 in Westberlin treffen und eine Denkfabrik für Sprachphilosophie und konkrete Poesie gründen. Die beiden entwickeln eine absolute Sprachbesessenheit und forschen fortan und bis an alle denkbaren Grenzen gemeinsam nach der perfekten Sprache

Der Roman handelt von der Macht und dem Einfluss von Sprache auf unser Leben. Gleichzeitig verbindet Hirschl Sprache mit Mathematik, Philosophie, Soziologie und Medizin und überrascht mit ungewöhnlichen Ideen und Wendungen. Durch seinen Humor und die bewusst überdrehte Erzählweise bietet „Schleifen“ einen besonderen Zugang zu großen Fragen.

Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“

Georg ist überzeugt: Mit Computern und Kybernetik lässt sich die DDR in eine bessere Zukunft führen. Doch während er noch an die Möglichkeiten des Systems glaubt, beginnt sein Freund Roland daran zu zweifeln und flieht in den Westen. Auch Marlies versucht, die DDR von innen heraus zu verändern. Mittendrin steht die Künstlerin Mona, umgeben von Freunden und Bekannten mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben und von der Zukunft.

Die Figuren treffen sich in einem Dorf nahe Wandlitz, wo plötzlich geheime und merkwürdige Bauarbeiten beginnen. Doch im Mittelpunkt des Romans stehen nicht nur die politischen Ereignisse, sondern vor allem die Menschen und ihre Beziehungen. Peggy Mädler erzählt von Freundschaft, Liebe und Loyalität, aber auch von Enttäuschung, Anpassung und Entfremdung. Dabei zeigt sie, wie die politischen Veränderungen in der DDR und die Wiedervereinigung das Leben der Menschen und ihre Beziehungen zueinander verändern.

Dana Vowinckel: „Anton und Alma“

Anton und Alma lernen sich während eines Schüleraustauschs in der Bretagne kennen. Jahre später begegnen sie sich auf einer Party wieder und stellen fest, dass sie inzwischen beide in Berlin leben und an derselben Universität studieren. Viel mehr scheint sie zunächst nicht zu verbinden: Anton kommt aus einer Akademikerfamilie und ist Jude, während Alma bei ihrer Mutter und ihrem lieblosen Stiefvater am östlichen Stadtrand aufgewachsen ist. Trotzdem verlieben sich die beiden, ziehen zusammen und versuchen, ihren Alltag und ihre Beziehung miteinander zu vereinbaren.

Als Anton für seine Masterarbeit über die Massenkonversion der Chasaren zum Judentum nach New York geht, bleibt Alma zurück. Sie sucht Halt in Antons jüdischer Gemeinde und wird immer stärker mit Fragen nach Glauben und Zugehörigkeit konfrontiert. Die Ereignisse des 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg verschärfen die Spannungen: Die Stimmung an der Universität und in Antons Familie wird zunehmend polarisiert. Schließlich kehrt Anton zu Alma zurück und sucht bei ihr Trost und Zuflucht.

„Anton und Alma“ ist damit nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch ein Roman über eine Welt, die zunehmend von Konflikten und Spaltungen geprägt ist. Es geht um die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, aber auch um Verlust, Glauben und die Suche nach Zugehörigkeit. Dabei stellt der Roman die Frage, wie Menschen trotz aller Unterschiede und Konflikte miteinander verbunden bleiben können.