Im Gespräch mit dem Vorstand des CSD Augsburg

Sascha Vugrin, Vorstandsmitglied des Christopher Street Day Augsburg, erzählt, was sein berührendster Moment, während seiner Zeit bisher war und wie ihr richtig handelt, wenn ihr Zeuge von queerfeindlichen Übergriffen seid.

Im Gespräch mit dem Vorstand des CSD Augsburg

2014 wurde der heutige Christopher Street Day Augsburg e.V gegründet, nachdem der Vorläufer seine Tätigkeiten stilllegte. Neben der Organisation der Aktionswoche rund um den Christopher Street Day und der CSD-Parade selbst, veranstaltet der Verein zahlreiche Aktivitäten für die queere Community. Diese sollen einen sicheren Hafen für alle Beteiligten schaffen und gleichzeitig für mehr Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft sorgen.

Hallo Augsburg: Wie lang sind Sie schon beim CSD Augsburg dabei und was hat sich seitdem getan?

Sascha Vugrin: Ich bin seit Mitte 2019 dabei. Veränderungen, die wir merken sind, dass sich durch kontinuierliche Arbeit immer mehr Menschen begeistern lassen, um mitzuhelfen. Das ist ein ganz wichtiger Schritt. Es gibt so viele Angebote und so wenig Zeit. Es gab eine Zeit, da waren wir nur zu zweit im Vorstand, weil der restliche Vorstand aufgrund von Zeitmangel oder psychischen Belastungen weggefallen ist. Aber jetzt sind wir auf einem guten Weg. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen, die gerne an unseren Veranstaltungen teilnehmen, engagieren würden. Denn manche kommen mit einer großen Erwartungshaltung an und wundern sich, warum manche Dinge nicht so laufen, wie sie es erwarten. Wir könnten vieles anders gestalten, aber dafür bräuchten wir mehr Unterstützung und Hilfe. Wenn ihr etwas gut findet, dann schaut, dass ihr das auch unterstützt. Je mehr Leute mitmachen, desto mehr Schultern haben wir, auf denen wir die Arbeit verteilen und es wird einfacher für alle Beteiligten.

Was wir gesellschaftlich sehen, ist dass wir immer mehr angenommen werden und immer mehr junge Menschen unsere Veranstaltungen besuchen. Durch unsere zunehmende Sichtbarkeit können wir immer mehr Menschen aufzeigen, dass wir genauso dazugehören und Teil der Gesellschaft sind. Egal wie bunt und divers wir sind, wir gehören dazu.

Nichtsdestotrotz haben wir auch immer wieder Rückschläge. Es gab in der letzten Zeit ja kaum einen CSD, in dessen Rahmen es keine queerfeindlichen Übergriffe gab. Auf der einen Seite sehen wir sehr viel Offenheit und auf der anderen Seite das komplette Gegenteil. Das macht uns natürlich auch Sorgen.

Hallo Augsburg: Dieses Jahr im Juli konnte endlich die CSD-Parade im vollen Ausmaß seit zwei Jahren stattfinden. War etwas anders als zuvor?

Sascha Vugrin: Ganz klar. Dieses Jahr war es der größte CSD in Augsburg, den wir je hier gesehen haben. Sehr viele junge Menschen waren dabei. Das liegt an mehreren Faktoren. Zum einen ist es die kontinuierliche Arbeit unseres Vereins. Andererseits hat aber auch das 9 Euro Ticket gut reingespielt. Menschen konnten günstig anreisen, was dazu führte, dass wir eine riesige Masse waren. Was wir auch immer wieder gehört haben ist, dass wir sehr viel diverser unterwegs waren als andere große CSDs.

Hallo Augsburg: Leider gibt es immer noch sehr viele Fälle queerfeindlicher Gewalt, heißt, dass queere Menschen attackiert werden. Beispielsweise gab es Übergriffe auf dem CSD in Dortmund, Dresden und auch hier in Augsburg sowie vielen weiteren Städten. Welche Möglichkeiten gibt es dagegen vorzugehen? Wie verhalte ich mich am besten, wenn ich so etwas mitbekomme?

Sascha Vugrin: Ich persönlich habe großes Vertrauen in unsere Staatlichkeit und die Polizei. Was ich immer tun würde, ist die Polizei verständigen und um Hilfe rufen. Man kann natürlich auch mehrere Menschen ansprechen, um als Gruppe den Tätern gegenüberzutreten und versuchen die Situation zu deeskalieren. Dabei ist aber der Eigenschutz nicht zu vergessen. Ziel ist es nicht einzuschreiten und selbst Opfer von Gewalt zu werden. Man muss für sich selbst abwägen, wie weit man gehen kann: Möchte ich den Täter konfrontieren oder dafür sorgen, dass Hilfe kommt?

Auf unseren Veranstaltungen gibt es immer auch ein Awareness Team vor Ort. Im letzten Jahr haben wir dahingehend Leute ausgebildet. Wenn jemand vom Awareness Team in der Nähe ist, sollte man ihnen Bescheid geben und da Hilfe suchen. An uns kann man sich natürlich auch immer wenden. Wichtig ist, mit Verstand und aufmerksam an die Sache ranzugehen, weil das natürlich auch mit Gefahr verbunden ist.

Hallo Augsburg: Sie als Verein veranstalten viele Aktivitäten für die Community, wie beispielsweise den Queergarten. Sicherlich bekommen Sie viel positives Feedback von den Menschen, die diese Veranstaltungen besuchen. Was war das am Einprägendste, was jemand mal zu Ihnen oder einem oder einer Kolleg:in gesagt hat?

Sascha Vugrin: Es ist glaub ich weniger etwas, was man uns gesagt hat, sondern eher ein Moment. Das war bei der Parade im Vorjahr, als wir aufgrund der mageren Besetzung im Vorstand eine schwierige Phase im Verein durchgemacht haben. Als wir in die Maxstraße eingebogen sind, stand an einer Ecke ein Vater mit seinem Kind auf den Schultern und sie hatten eine Transgender-Pride-Flagge dabei. Als wir um die Ecke gezogen sind und das Kind gesehen hat, wie viele Menschen sich hinter unseren Pride-Flaggen versammeln und gemeinsam durch die Straßen ziehen, hat man ein richtiges Strahlen in den Augen des Kindes gesehen. Eine Last, die abgefallen ist. Ich glaube es war das Gefühl der Verbundenheit und Akzeptanz, die das Kind in diesen Moment verspürt hat. Das ist uns sehr wichtig an unserer Arbeit, dass wir jungen Menschen ihre Sorgen und Ängste abnehmen können. Das war wirklich ein erfüllender Moment.

Hallo Augsburg: Auf Ihrer Homepage haben Sie unter den Forderungen an Augsburg, Aspekte wie die Schaffung und Finanzierung von Kunst, kreative Freiräumen und queeren Entfaltungsmöglichkeiten und queere Strukturen im Alter angegeben. Wie sieht es momentan in diesen Bereichen aus? Gibt es weitere Pläne für die Zukunft?

Sascha Vugrin:

Der Bedarf ist definitiv da. Es ist aber schwierig, etwas dauerhaft auf die Beine zu stellen, wenn die finanzielle Unterstützung jedes Mal neu beantragt werden muss. Vorletztes Jahr zum Beispiel haben wir das Projekt Diverseety realisiert, zu welchem auch der Queergarten, eine Radtour oder ein Besuch der Gedenkstätte in Dachau gehörten. Das sind tolle Sachen, aber vieles konnten wir dieses Jahr nicht wiederholen, weil die Gelder nicht zur Verfügung gestellt worden sind. Es ist jedes Jahr ein neuer Kampf, sich darum zu bewerben. Es wäre deutlich einfacher, wenn es einen fixen Topf geben würde, der jedes Jahr für unsere Belange zur Verfügung steht.

Hallo Augsburg: Ihrer persönlichen Meinung nach: Wie tolerant und LGBTQ+ freundlich ist Augsburg?

Sascha Vugrin: Ich denke im Großen und Ganzen lässt es sich in Augsburg, sowie in anderen großen Städten als homosexueller weißer Mann ziemlich gut leben. Aber auch in Großstädten wird man gelegentlich mit rückständigen Aussagen konfrontiert. Bei der diesjährigen Parade standen wir gerade auf Höhe des Theaters, als eine Frau mit einem Kinderwagen die Straße überqueren wollte. Sie musste aber aufgrund des Umzugs warten. Dann hat sie uns Sachen wie „Widerlich! Wie kann es sein, dass meine Kinder sich so etwas mitanschauen müssen?“ entgegengerufen. Dabei waren wir friedlich und zivilisiert unterwegs. Da sieht man, dass nach wie vor, viel zu tun ist.

Ebenso wird es schwieriger, wenn wir uns auch nur 30 Kilometer weiter ins Schwäbische Hinterland bewegen. Da ist eine komplett andere Welt. Ich persönlich kenne Menschen, die leben zwar in Augsburg, outen sich dennoch nicht, weil sie Angst haben, dass ihre Eltern auf dem Land Probleme machen. Oft ist es in Dorfgemeinschaften recht schwierig. Das ist auch eine Angelegenheit, die wir anpacken müssen. Dass wir aus Augsburg heraus ein bisschen Strahlwirkung erzeugen auch dort Veranstaltungen organisieren.

Was man sich aber unbedingt auch vor Augen führen muss, ist dass es einen deutlichen Unterschied innerhalb der queeren Community gibt. Es ist etwas anderes, wenn man als ein homosexueller Mann in einer Großstadt lebt oder als Person mit trans- oder nichtbinärer Identität. Wenn man sich prozentual anschaut, wie benachteiligt Transpersonen sind, dann ist es ganz egal ob sie in Augsburg, München oder im Hinterland leben. Sie haben es schwerer in vielen Bereichen der Gesellschaft. Das ist ein riesiges Problem. Ein sehr großer Teil der Bevölkerung weiß nichts mit Begriffen wie Genderfluidität oder Nicht-Binarität anzufangen. Da ist nach wie vor super viel Aufklärungsarbeit nötig.

Auch wenn man sich die Selbstmordrate bei queeren Jugendlichen anschaut, dann ist das ein riesiges Thema mit dem wir uns als Gesellschaft intensiver beschäftigen müssen. Es muss viel mehr getan werden. Es kann nicht sein, dass junge Menschen so große Ängste und Probleme haben, dass sie Suizid begehen. Mit solchen erschreckenden Zahlen kann die Community noch lange nicht zufrieden sein.

Im Namen von Hallo Augsburg bedanken wir uns für das Gespräch mit Sascha Vugrin. Wenn ihr noch mehr über die CSD-Organisation in Augsburg erfahren wollt, solltet ihr unbedingt einen Besuch der offiziellen CSD Augsburg Homepage abstatten.

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