Containern – Lebensmittelretten in der rechtlichen Grauzone

Wer Lebensmittel aus der Tonne rettet, um der Verschwendung entgegen zu wirken, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Wieso gibt es trotzdem so viele Menschen, die containern?

Containern – Lebensmittelretten in der rechtlichen Grauzone

Im Juni 2018 werden die beiden Studentinnen Caro und Franzi vor einem Supermarkt in Olching von zwei Polizisten beim Containern erwischt. Sie hatten in den Tonnen nach noch genießbaren Lebensmittel gesucht. Eine gesetzwidrige Handlung: Nach Einreichen eines Strafantrages durch den Supermarkt kommt der Fall vor Gericht.

Besonders schwerer Fall des Diebstahls.

„Besonders schwerer Fall des Diebstahls“ lautet die Anklage. Zur beantragten Geldstrafe von je 1.200 Euro kommt es zwar nicht, das Amtsgericht Fürstenfeldbruck spricht die beiden Frauen im Januar 2019 trotzdem schuldig und verwarnt sie mit acht Sozialstunden bei der örtlichen Tafel. Denn wer containert, klaut.

Wer Lebensmittel aus der Tonne fischt, begeht Diebstahl.

Solange die Müllabfuhr die Tonnen nicht leert, bleibt der Inhalt Eigentum des Supermarkts. Die Entwendung ist folglich Diebstahl. Ab wann der Besitzanspruch aufgegeben wird, ist nicht ganz eindeutig definiert, in den meisten Fällen wird das Containern stillschweigend geduldet. Einige Supermärkte verdeutlichen ihren Anspruch durch das Abschließen der Tonnen und der Areale. Wer auf dem Weg zur Tonne über ein Tor oder einen Zaun klettert, riskiert so zusätzlich eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. In den meisten Fällen kommt es nicht zu einer strafrechtlichen Verfolgung, falls doch, werden die Verfahren meist eingestellt. Ausnahmen gibt es trotzdem, wie der Fall von Caro und Franzi zeigt.

Doch wieso nehmen viele, wie Caro und Franzi, die Gefahr trotzdem auf sich? Immer mehr Menschen containern, um der irrsinnigen Lebensmittelverschwendung entgegen zu wirken. In Deutschland landen nach Berechnung der Uni Stuttgart jedes Jahr circa 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Die Umweltorganisation WWF geht sogar von mehr als 18 Millionen Tonnen aus. Pro Person summiert sich das, je nach Studie, auf rund 80 Kilogramm Lebensmittel – die, die direkt im Supermarkt in der Tonne landen, wollen Containerer retten.

Was landet dort hinterm Supermarkt im Müll?

Am häufigsten ziehen Dumpsterer Obst, Gemüse und Backwaren hervor. Hier reichen schon erste Verfallserscheinungen: leicht verschrumpelte Gurken oder Paprikas, Tomaten mit Druckstellen oder eine leicht angequetschte Aubergine werden sofort aussortiert. Wenn eine Orange im Netz fault, wird das komplette Paket weggeworfen. Und kommt eine neue Lieferung, müssen unverkaufte Lebensmittel weichen.

Aussortiert und weggeworfen.

Aber auch tierische Produkte wandern in den Müll. Bei Abgepacktem oder Konserven ist häufig das abgelaufene Mindesthaltbarkeitsdatum der Grund. Traurig, denn hier ist lediglich die Garantie durch den Hersteller hinfällig. Die Qualität der Lebensmittel bleibt fast immer darüber hinaus bestehen. Trotzdem werden sie von den Supermärkten aussortiert und weggeworfen.

Was läuft da falsch?

Im Grunde müssten Supermärkte die noch genießbaren Lebensmittel jedoch nicht wegwerfen. Es gibt etliche Alternativen: Tafeln nehmen die Lebensmittel und verteilen sie weiter und auch Foodsharing nimmt sich den abgelaufenen Gütern an – sie werden in einem Regal oder Kühlschrank für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In Augsburg gibt es beispielsweise im Sozialkaufhaus Contact, bei Degree-Clothing, im Hörsaalzentrum der Uni, am City Café und im Grandhotel Cosmopolis solche sogenannten Foodsharing-Punkte. Und auch die App „Too good to go“ kann im Kampf gegen die Verschwendung helfen.

Eigentlich ist es ganz einfach.

Eigentlich ist es ganz einfach. Würde nicht so viel in der Tonne landen, müsste niemand containern gehen. Es ist an der Regierung, die Gesetzeslage so zu gestalten, dass dem Wegwerf-Irrsinn ein Ende bereitet werden kann. Frankreich ist hier beispielsweise seit kurzem ein Vorreiter. Solange das nicht der Fall ist, erscheint es absolut sinnvoll, die Lebensmittel gesetzwidrigerweise aus der Tonne zu fischen (wie so ein Container-Trip aussieht, kannst Du hier nachlesen) – um die Sache als Konsument selbst in die Hand zu nehmen.

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