Lebensmittelretter – Einmal 9 mit einem der Containert

Lebensmittel aus dem Müll. Wir haben ein Interview für die Tonne geführt: Einmal 9 mit einem Containerer.

Lebensmittelretter – Einmal 9 mit einem der Containert

Gegen 22 Uhr holt Basti die Packtasche fürs Fahrrad aus der Ecke, greift sich seine Stirnlampe und wirft eine Regenjacke über. Dann schwingt er sich aufs Fahrrad und fährt zum ersten Supermarkt. Es ist dunkel und die Geschäfte haben längst geschlossen. Am Vordereingang läuft der Student vorbei – denn er ist hier, um zu containern.

Mülltauchen, Lebensmittel retten, Containern. Für das hervorholen weggeworfener Nahrungsmittel aus Supermarkt-Tonnen gibt es viele Begriffe. Rechtlich gesehen handelt es sich dabei leider immer noch um Diebstahl, denn die Ware gehört auch in den Tonnen noch den Supermärkten. Trotzdem retten immer mehr Leute Lebensmittel aus Containern. Auch Basti füllt seinen Kühlschrank seit über fünf Jahren regelmäßig bei seinen Streifzügen. Wir haben nachgefragt, was er da so erlebt.

1. Wie läuft so ein Container-Trip bei dir ab?

Zuhause wird erstmal alles Nötige gepackt, also Transportbehältnisse, eine Kopfleuchte und eventuell Handschuhe. Dann werden die Spots abgeklappert. Alles weitere hängt von der Ausbeute ab: Findet man bei einem Standort schon mehr als genug Nahrungsmittel, macht es wenig Sinn, noch weiter zu containern. Man kann leider nicht alles retten, was weggeworfen wird. Ob man nun in Augsburg, in fremden Städten oder im Ausland containern geht, ist prinzipiell egal – es ist in einer ungewohnten Umgebung natürlich nur etwas unsicherer.

2. Was lernt man mit der Zeit dazu?

Ich habe vor allem enorm viel über Lebensmittelsicherheit gelernt: Kann ich dieses oder jenes noch essen? Es ist wichtig, der eigenen Nase zu vertrauen und nicht dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Witzig ist übrigens der englische Begriff für das Containern – dumpster diving.

3. Was wird am häufigsten weggeworfen und was ist die krasseste Ausbeute, die du je gemacht hast?

Gerade reif gewordenes Obst wie Bananen, die gerade anfangen so richtig zu schmecken, finde ich am häufigsten. Aber auch Milchprodukte, wie zum Beispiel Joghurt. Trockene Ware wie Nudeln oder Mehl hingegen eher selten. Cool ist es, wenn man genau das findet, was man braucht und sich nicht verantwortlich fühlen muss, noch haufenweise andere Lebensmittel aus der Tonne zu holen. Die spektakulärste Ausbeute bisher waren wohl um die fünfzig Tafeln Bio-Schokolade aus einer Tonne. Und auch bei Drogerien kann man einiges finden – ich habe mal Kondome und Zahnpasta mit nach Hause gebracht.

4. Hast du dir schon mal den Magen mit Lebensmitteln aus der Tonne verdorben?

Ich habe einen sehr stabilen Magen, vielleicht auch durch das Essen aus der Mülltonnen. Manchmal habe ich mir schon gedacht, dass das jetzt kritisch sein könnte – aber nein, bisher ist immer alles gut gegangen.

5. Gibt es eine Art Community beim Containern?

Man trifft schon immer wieder die gleichen Leute. Das Ganze gestaltet sich erstaunlich heterogen, von Jung bis Alt trifft man da die unterschiedlichsten Menschen. Ich selbst halte mich lieber abseits bekannter Spots. Trotzdem habe ich beim Containern auch schon Leute kennen gelernt, mit denen ich immer noch in Kontakt bin.

6. Was war die witzigste Erfahrung, die du beim Containern gemacht hast?

Da gibt es Einige – es ist allein schon absurd, was alles weggeworfen wird. Ganz lustig sind aber immer Konserven ohne Banderole. Eine solche Mystery-Dose haben wir mal auf einer Party aufgemacht. Leider war Katzenfutter drin.

7. Wurdest du schon erwischt oder hast Angst, erwischt zu werden?

Ich wurde noch nie erwischt, habe jedoch schon einige Male davon gehört. Prinzipiell fühle ich mich moralisch im Recht, habe aber natürlich keine Lust auf Rechtsstreitigkeiten.

8. Wie fühlt es sich an, Containern zu gehen?

Ambivalent. Auf der einen Seite kann ich mich dadurch ab und an der eigenen Konsumverantwortung entheben und ohne schlechtes Gewissen eine Fertig-Currywurst schlemmen. Auf der anderen Seite ist alles, was aus der Tonne gerettet wird, nur Blendwerk. Eigentlich geht es um ein überhitztes System, das das Wegwerfen billigend in Kauf nimmt, um für Konsumenten immer die volle Auswahl an perfekten Lebensmitteln zu bieten. Ab und an nehme ich Menschen auf ihren ersten Containertrip mit. Die stehen dann komplett ungläubig daneben, wenn die ganze Skala der Verschwendung offensichtlich wird. Man selbst stumpft mit der Zeit jedoch - wie bei so Vielem - leider ab. Vermutlich auch, um nicht komplett durchzudrehen.

9. Gibt es Lösungsansätze?

Einige. In Frankreich dürfen Lebensmittel von Supermärkten nicht mehr weggeworfen werden. Solange das in Deutschland noch geduldet wird, gibt es neben dem Containern auch legale Alternativen wie beispielsweise die Plattform foodsharing. Natürlich ist hier wie so oft der Endverbraucher gefragt – laut WWF kommen 50% der vermeidbaren Lebensmittelabfälle aus Privathaushalten. Vielleicht sollten Einkäufe besser geplant oder der Joghurt nicht sofort beim Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfen werden – ich habe auch schon Joghurt gegessen, der 6 Monate drüber war.

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