Im Gespräch mit einem Augsburger Bestatter

Wir haben mit einem Augsburger Bestatter über seine Tätigkeit, das Abschiednehmen in Zeiten von Corona und das Tabuthema Tod gesprochen.

Im Gespräch mit einem Augsburger Bestatter

Bestatter – ein Wort, dass man nicht so gern hört, oder? Immerhin verbinden wir es mit dem Tod und vor dem haben wir alle Angst. Dabei ist der Tod etwas ganz Natürliches und der Beruf des Bestatters sehr vielseitig. Wir haben mit Stefan Böhm gesprochen. Er arbeitet seit 22 Jahren als Bestatter und hat sein eigenes Bestattungsunternehmen. Wie die Pandemie sich auf seine Arbeit auswirkt und was er an seinem Beruf so liebt, hat er uns im Interview verraten.

Als ich Stefan Böhm vor zwei Wochen um ein Interview bat, war er sofort begeistert. Er freue sich über das Interesse und er erzähle mir sehr gern etwas zu seiner Tätigkeit. Der Beruf des Bestatters sei viel zu sehr tabuisiert, meinte er. Während unseres Telefonats wurde schnell klar: Stefan Böhm brennt für seinen Beruf, auch wenn er zurzeit besonders herausfordernd ist. Aber dazu später mehr. Zuerst wollte ich wissen, wie es dazu kam, dass er Bestatter geworden ist. „Ursprünglich wollte ich als Krankenpfleger arbeiten, habe aber damals zwischen Schule und Lehrbeginn bei einem Bestatter gejobbt. Dort habe ich den Beruf kennen und auch lieben gelernt, sodass ich dabei blieb“. Heute ist Stefan Böhm selbständiger Unternehmer mit seinem eigenen Bestattungsdienst.

Zwischen körperlicher Schwerstarbeit und Feingefühl

Die Aufgaben eines Bestatters seien sehr vielfältig, erzählt mir Stefan Böhm. Dazu gehörten neben der „hygienischen Versorgung“ und dem Ankleiden und Schminken des Verstorbenen, auch das Verfassen von Trauerreden und das Ausheben von Gräbern. Außerdem berate ein Bestatter Kundschaft, gestalte Sterbebilder, organisiere passende Musik zur Trauerfeier und vieles mehr. „Im ersten Moment hält man schick angezogen eine Trauerrede und im nächsten Moment heißt es rein in die Arbeitsklamotten fürs Gräber ausheben“, erzählt Stefan Böhm. Genau das sei es, was ihn an diesem Job so reize. „Der reine Büromensch war ich nie und werde ich auch nie sein“.

„Wenn ‚die Einschläge' immer näher kommen“

Vielseitig schon, aber immerhin hat man täglich mit dem Tod zu tun. Was macht das mit einem? Ich frage Stefan Böhm, ob er oft über seinen eigenen Tod nachdenkt. „An manchen Tagen, wenn – im Bestatter-Jargon sagt man ‚die Einschläge' immer näher kommen, das heißt, wenn das Alter der Menschen, die du bestattest, immer mehr an dein eigenes Alter rückt, – dann ist die Arbeit schon belastend“. Weiter erzählt er, dass er bei unerwarteten Anrufen oft unwillkürlich das Schlimmste befürchtet. Eine Angst, die sich bisher immer als unbegründet herausstellte, aber die sich schwer abstellen ließe.

Corona ist grausam

Was ihm derzeit besonders zu schaffen mache, seien die Umstände, unter denen Trauernde ihre Angehörigen verabschieden müssten. Die Anzahl der Trauergäste ist aufgrund der Pandemie auf 25 begrenzt. Das gelte auch unter freiem Himmel und trotz FFP2-Masken. Besonders hart treffe es Angehörige von an oder mit Corona verstorbenen Menschen. Corona-Tote seien „infektiöse Leichen“, erklärt Stefan Böhm, die nicht wie andere Verstorbene behandelt werden dürften. Der Leichensack, in dem eine infektiöse Leiche liege, dürfe nicht mehr geöffnet werden. „Das Anziehen und die hygienische Versorgung fallen dann weg. Das ist etwas, dass mich psychisch immer sehr trifft“, sagt Stefan Böhm.

Eher Untersterblichkeit, als Übersterblichkeit.

Er habe viele an Corona Verstorbene gehabt und Ende 2020 sei es zu einer „Übersterblichkeit“ gekommen. Allerdings gelte das nicht für das gesamte Jahr, wie er erklärt. „Das letzte Jahr über hatten wir eine weitestgehende Untersterblichkeit. Es hat sich nur etwas auf die Endjahreszeit komprimiert“. Dass in der kalten Jahreszeit mehr zu tun sei, sei für seine Branche typisch. „In Kombination mit Covid-19 hatten wir viel zu tun, aber es war mitnichten so, dass hier der Katastrophenfall eingetroffen wäre“, sagt Stefan Böhm. Die Pandemie bedeute für seine Branche vor allem massive Einschnitte in der Arbeitsweise: „Wir dürfen nicht mehr genau das machen, was wir tun wollen. Menschen zu erklären, dass sie keine angemessene Trauerfeier abhalten können, ist grausam. In diesen Zeiten wird klar, wie wichtige der Beruf des Bestatters ist: Es geht darum dem Menschen eine Stütze zu sein und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Und die Dankbarkeit, die dann zurückkommt, ist etwas ganz Besonderes“.

Vor dem eigenen Tod um die Beisetzung kümmern? Der Trend zur Bestattungsvorsorge

In der Bestattungsbranche tummeln sich einige schwarze Schafe.

Als Bestatter könne man viel Geld verdienen, erzählt Stefan Böhm. Und es gebe viele schwarze Schafe, deren Antrieb genau das sei. Er empfiehlt – auch wenn es unangenehm ist – sich vor dem Tod um die eigene Bestattung zu kümmern. So eine „Bestattungsvorsorge“ werde immer üblicher. „Durch das Internet und durch Aufklärung freier Bestatter – zu denen ich mich auch zähle – ist das Tabuthema Tod ein bisschen gebrochen“. Die Leute würden die Bestattungsvorsorge nutzen, um ihre Angehörigen im Todesfall emotional und finanziell zu entlasten. So sei es unwahrscheinlich, dass für die Hinterbliebenen horrende Summen für die Beisetzung anfallen, weil diese an schwarze Schafe der Branche geraten, erklärt Stefan Böhm. „Ich brauche als Bestatter keine teuren Kissen für den Sarg verkaufen, wenn es die Ehefrau des Verstorbenen schlicht und einfach möchte. Und wenn der Opa eine Lieblings-Kuscheldecke hatte, kommt die in den Sarg. Das macht für mich den Beruf aus: Auf die Menschen eingehen und sie bestmöglich beim Abschiednehmen unterstützen“.

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