AWA – Authentischer Hiphop mit Herz

Autotune, Sexismus und Macho-Gehabe – Deutschrap hat schon lange mit einem schlechten Image zu kämpfen. Dass es auch anders geht, zeigt der Wahl-Augsburger Steffen a.k.a. AWA.

AWA – Authentischer Hiphop mit Herz

Lässig sitzt Steffen in seinem Drehstuhl, neben ihm liegt sein treuer Hund Pablo. Das Zimmer ist voller Aufnahme-Equipment, die Wände mit Plakaten geradezu tapeziert. In diesem sympathischen DIY-Studio in einem gemütlichen Stadtberger Mehrparteienhaus werden Gefühle zu Texten, Texte zu Songs und Steffen zum „Asi With Attitude“, oder kurz: AWA. Unter diesem Namen ist der 34-Jährige bereits seit neun Jahren im Rapgame unterwegs.

Schreiben nach Gefühl

Genau genommen ist er aber schon viel länger Teil der Hiphop-Welt. Bereits mit 12 Jahren schreibt Steffen in seiner Heimat Schwerin seine ersten Texte, Auslöser ist der frühe Tod seiner Mutter. Um diesen zu verarbeiten, nutzt der heutige Wahl-Augsburger seitdem Songs, um seine Gedankenwelt auf Papier zu bringen. „Ich schreibe über das, worauf ich Lust habe oder gerade fühle. Ich mache mir keine Gedanken was das Publikum will“. Wenn es AWA schlecht geht, dann ist das auch in den Songs hörbar, die er produziert. Wenn es ihm gut geht, dann entstehen Songs wie „Freiluftkochgerät“, „Mach dir nie mehr Sorgen um Gras“ oder „Asozial“. Egal welche Stimmung die Songs auch verbreiten, sie sollen immer erzählen.

Kämpfer für die „Realness“

Steffen merkt natürlich schon, dass die ruhigen Songs meistens besser ankommen. Viele Rapper würden sich laut ihm aber nicht in diese Richtung begeben, weil sie sich dann angreifbar machen. „Die haben Angst davor, so viel von sich preiszugeben.“, erläutert AWA. „Das ist dann so wie: Du hörst einmal mein Album und kennst meine ganze Lebensgeschichte.“ Ihm ist das relativ egal, er schreibt aus dem Moment heraus. „Mich nervt, dass gleichaltrige Rapkollegen aus der Sicht von 12-13 Jährigen rappen, nur um den Nerv der Zeit zu treffen. Sie kennen deren Probleme einfach nicht und da frage ich mich immer: Ist das noch real?“

„Hiphop sollte die ehrlichste Musikrichtung von allen sein, aber die wenigsten nehmen das noch ernst“

Steffen bezeichnet sich in dieser Hinsicht als ‘oldschool’: „Hiphop sollte die ehrlichste Musikrichtung von allen sein, aber die wenigsten nehmen das noch ernst“. Seiner Meinung nach muss Hiphop nicht immer ‘Ghetto’ oder arm sein. „Ich komme auch aus dem Plattenbau“, argumentiert der Augsburger Rapper. „Ich weiß wie es ist gar nichts zu haben, weiß aber jetzt auch wie es ist, keine Geldprobleme zu haben und gut zu leben“. Viele von den heutigen Rappern hätten reiche Eltern gehabt oder einfach ein schönes Leben führen dürfen – „Und das ist ja auch schön, aber dann rappt doch darüber und nicht, dass du Koks vertickst, obwohl du aus irgendeinem Dorf kommst und es in Wirklichkeit gar nicht machst.“ Viele jüngere Hiphop Fans würden das aber ganz anders sehen. „Die konsumieren das wie einen Film und akzeptieren, dass es nicht mehr echt ist“, schildert AWA.

Im Kern gleich geblieben

Er steht zu seiner Vergangenheit, aus der auch die prominente Verwendung des Begriffs „Asozial“ hervorgeht. „Da ist schon sehr viel authentisches dabei, der Name ist also kein reines Image“. Die Kindheit im Plattenbau war nicht immer schöne Zeit. „Du lebst da einfach mit Junkies, Alkoholikern und anderen im Brennpunkt zusammen und wenn du das als 14-15 Jähriger mitbekommst, war das eben alles ‘asi‘“, erinnert sich Steffen. „Wenn wir einen gesoffen haben, dann war das halt Dosenbier – schön mit dem Kugelschreiber aufgestochen und dann ging’s los.“

„Wenn ich auf ner Party bin, trinke ich trotzdem den teuersten Single Malt aus dem Pappbecher“

Die Zeit, in der er mit Freunden wie Proleten rumläuft und Leute anpöbelt, ist für den 34-Jährigen definitiv schon lange vorbei. Deshalb wechselte er von seinem alten Alias „D-Matic (Deutschlands magischster Asi Textschreiber ist Chef)“ zu „AWA (Asi with Attitude)“. Und die Attitude ist jetzt dabei, dem ganzen etwas Stil zu geben. Der Kern bleibt jedoch gleich. Der Rapper definiert: „Wenn ich auf einer Party bin, trinke ich trotzdem den teuersten Single Malt aus dem Pappbecher“.

Inspiration in der Soho Stage, Entspannung auf dem Bismarckturm

Jetzt lebt er ein ganz anderes Leben im beschaulichen Augsburg. Vor fast 10 Jahren ist Steffen durch seine Arbeit in die Fuggerstadt gezogen. Hier hat er seine Freundin kennengelernt und fühlt sich zuhause. Obwohl es eine mittelgroße Stadt ist, hat AWA es in seiner Wohnung in Stadtbergen immer schön ruhig und trotzdem nicht weit in die Innenstadt. Den FCA mag er natürlich auch – „Zwar nicht so wie Hansa Rostock, aber auch sehr“, lacht der gebürtige Schweriner. Sein Lieblingsort, an dem er auch am liebsten auftritt und Inspiration bekommt, ist die Soho Stage. Steffen schwärmt: „Für mich Augsburgs Schuppen Nummer 1, auch was Konzerte angeht“. Wenn es nach draußen geht, fällt die Wahl oft auf den Bismarckturm, da AWA dort gut mit seinem Hund entspannen kann. Ansonsten ist natürlich sein kleines Studio ein Ort, an dem er sehr viel Zeit verbringt und sich wohl fühlt.

Augsburgs Rapper halten zusammen


Auf seiner aktuellen Platte „Wonach“ hat er mit vielen befreundeten Rappern zusammengearbeitet, einige davon aus Augsburg. Denn auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, hat unsere schöne Stadt durchaus eine beachtliche Hiphopszene. In den letzten Jahren hat vor allem der nationale Erfolg von Errdeka für Aufmerksamkeit gesorgt. „Er hat vielleicht auch nochmal die Tür geöffnet, dass Augsburger Rap interessanter wird“, meint Steffen. Da sich die hiesige Szene außerdem nicht über Nachwuchsprobleme beschweren kann, dürfte das deutschlandweite Image auch in Zukunft mit großem Potential verbunden sein. Eine große Stärke der Augsburger Hiphop-Community liegt darin, dass es viel Zusammenhalt und wenig genre-typische Streitigkeiten – „Beef“ im Fachjargon – gibt. „Ich glaube ich kenne niemanden, mit dem ich mich nicht verstehe“, grübelt AWA. Eine schöne Vorstellung, dass sich der Spirit der Friedensstadt selbst in der sonst so konfliktbasierten Musikrichtung zeigt.

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