Errdeka im Interview: Warum er(r) kein Rapper mehr ist

In dieser Woche kehrt Raphael Endraß mit neuer Musik als einer der bekanntesten Künstler Augsburgs zurück. Weshalb er sich mittlerweile nicht mehr als Rapper sieht und vor TikTok-Kids in Großstädten scheut, erklärt der 31-Jährige im Vorabgespräch.

Errdeka im Interview: Warum er(r) kein Rapper mehr ist

Hallo Raphael, diesen Freitag geht mit dem Konzert auf der Augsburger Freilichtbühne ein kleiner Traum für dich in Erfüllung. Dein erster Auftritt seit Corona?

Yes! Ich finde die Freilichtbühne als Location mega und habe mir schon öfter vorgestellt, wie es wäre dort aufzutreten – und jetzt hat es geklappt. Da ich mich die ganze Zeit auf die Albumproduktion konzentriert habe, ist es für mich tatsächlich das erste Konzert seit Corona und in Kombination mit dem Albumrelease auch das spannendste.

Am selben Tag kommt damit dein bereits fünftes Album raus. Wie blickst du auf deine Reise seit den „Eyeslow“-Mixtapes zurück?

What a Ride! Ich bin super stolz auf meine Diskografie und dass ich seit Tag Eins nur release, was ich zu 1.000 Prozent fühle und nicht was gerade businesstechnisch funktionieren könnte. Ich möchte hinter meinen Songs stehen, meine Schiene weiterfahren und weiterentwickeln. Es gibt sonst niemanden im Deutschrap, der so klingt wie ich, und ich denke dafür sind meine Fans auch sehr dankbar. Natürlich ist Veränderung aufgrund vom eigenen künstlerischen Anspruch in einem Land, in dem sehr viel in Schubladen gesteckt werden will, schwierig. Ich habe aber eine unfassbar treue Fanbase, die da mitgeht und das checkt.

Dein neuestes Werk hätte auch dein letztes sein können. So dachtest du zumindest bei dem Albumtitel „Elias“. Warum ziehst du diesen nun doch dem Karriereende vor?

Das Album musste gemacht werden. Das musste raus. Es hat sich so einiges angestaut, das ich jetzt in wunderschönem Gewand als Songs verpackt habe. Wie es danach weitergeht – I don’t know. So weit will ich nicht denken. Im Hier und Jetzt leben und dem Ganzen einfach den Raum geben, den es verdient. Es steckt so viel Herzblut, Zeit, Energie und Geld in Elias, sodass ich das jetzt nicht einfach abhaken möchte.

2019 hieß es in „Wischi Waschi“, dass du dich für Texte wie auf deinem Debütalbum „Paradies“ nicht mies genug fühlst. Auf „Elias“ sind Traurigkeit und Melancholie inhaltlich nun wieder stark vertreten. Hat Errdeka derzeit „Minusgrade in der Brust“?

Haha, eigentlich gar nicht. Ich bin super happy und es war schon sehr weird bei Sonnenschein, oben ohne im Studio, Songs zu recorden die den Himmel verdunkeln. Aber wie gesagt, das hat sich angestaut, da werden Dinge thematisiert, die mich schon mein ganzes Leben begleiten. Dinge, mit denen ich abgeschlossen habe, und Dinge, die eventuell passieren werden. Grundsätzlich bin ich ein sehr zufriedener Mensch, aber auch froh, dass ich gewisse Feelings habe, durch die ich dann wieder merke, dass nicht alles selbstverständlich ist. Erst dadurch kann das Schöne im Leben voll und ganz ausgekostet werden. Es muss beides geben. Wenn alles bei mir so konstant dahinplätschern würde, dann könnte ich auch keine guten Texte schreiben.

Die Line bezog sich auf Fans, die sich oft wieder ein düsteres Klangbild von dir wünschen. Störst du dich an solchen Forderungen?

Mittlerweile nicht mehr. Ich bin kein Dienstleistungsunternehmen, sondern ein Mensch der durch verschiedene Phasen in seinem Leben, unterschiedliche Dinge zu sagen hat und auch nicht immer gleich fühlt. Geschmack ändert sich. Wieso sollte man nichts Neues wagen? Meine Musik ist für mich eine Spielwiese und da will ich mich austoben. Wenn du nicht mitspielen willst – es gibt genug andere Kinder, die ein Spiel spielen, auf das du Bock hast.

Beeinflussen lässt du dich davon jedenfalls nicht. „Elias“ ist experimenteller denn je und geht gleichzeitig mit Max Mostley zurück zu den Anfängen. Wie kam es zu der Wiedervereinigung?

Wir hatten uns eine Zeit lang aus den Augen verloren. Ich hatte Lust mit anderen Produzenten zusammenzuarbeiten, um zu schauen, wie es sich anfühlt und anhört mit neuen Leuten zu arbeiten. Das hat auch alles super funktioniert, da sind auch krasse Tracks entstanden. Aber irgendwie habe ich irgendwann gecheckt, dass Max und ich in Kombination einen Vibe hervorrufen, den ich sonst mit niemand anderem habe. Deshalb haben wir uns, da er in England wohnt, remote zusammengetan, Beats hin- und hergeschickt und die ersten Gehversuche von Elias gestartet. Was jetzt daraus, zusammen mit Gold Donkey entstanden ist, ist absolut unique.

Von Rap gab es lange Zeit eine klare Vorstellung. Du hingegen hast dich stets kompromisslos und facettenreich auf deinen Werken gezeigt. Musst du jedoch mit der neuen Hip-Hop Generation dein „Alleinstellungsmerkmal“ teilen?

Ich kann die „neue Hip-Hop Generation“ nicht beeinflussen. Es gibt viele Artists und Tracks heutzutage die ich richtig krass finde. Ich mag es, dass es Leute gibt, die einfach darauf loslegen, Texte schreiben, recorden, mit einem Digitalvertrieb rausballern und dann auf TikTok promoten. Im Grunde haben wir damals nichts anderes gemacht, die Kanäle waren nur anders. Es gibt aber wie in jedem Genre auch viel Schmutz, der gehyped wird, bei dem ich ehrlich gesagt nicht mehr mitkomme. Ich will aber auch niemanden judgen, das muss es alles geben. Jeder, der irgendwann auf mich stößt und dem ich etwas geben kann mit meiner Musik, über den bin ich glücklich. Mich auf Krampf irgendwo anzubiedern wie so ein nerviger Rosenverkäufer im Restaurant – not me.

In der Albumankündigung war die Rede von anderthalb Jahren Selbstauflösung und -findung. Was ist passiert?

Ich wusste nicht mehr, ob ich noch Bock auf Rap habe, basically. In der gleichen Zeit bin ich immer mehr an den Start gekommen mit meinem anderen Pseudonym „Raphael Schön“ und habe gemerkt, dass sich das richtiger für mich anfühlt. Auf der anderen Seite hatte ich aber immer noch Sachen zu erzählen, die ich unbedingt recorden wollte. Nur sah ich mich gar nicht mehr in dieser Rap-Bubble. Es war mir sogar eine Zeit lang unangenehm, wenn jemand mich als „Rapper“ vorgestellt hat, oder wenn man mich gefragt hat, was ich so mache. Davon habe ich mich aber frei gemacht und ich sehe mich ehrlich gesagt nicht mehr als Rapper. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig abgehoben, aber ich bin viel mehr als das. Ich bin zu 100 Prozent Künstler. Ich mache so viele Sachen und Rap ist eben ein Teil davon. Das zu begreifen war ein langer harter Weg für mich, aber ich bin froh, das nun voneinander trennen zu können.

Auf „Sing mir was vor“ sprichst du vielen aus der Seele, die sich nach Unbeschwertheit sehnen. Wer sind die Menschen, die nur noch überleben statt da zu sein?

Schau nach links und nach rechts. Auch hier wieder – no judging. Jeder soll sein Ding machen und so leben wie es für ihn okay ist. „Okay“ reicht mir aber zum Beispiel nicht. Ich will das ganze Leben. Ich bin krass hedonistisch veranlagt und muss alles vollkommen auskosten. Klar, es gibt auch genügend Sachen, die ich mache, welche mir keinen Spaß machen. Wo ich weiß, okay das bringt mir jetzt wieder einen Monat finanziellen Puffer, aber zum Großteil mache ich das auf was ich Bock habe. Es gibt aber eben Personen, bei denen ich eine zunehmende Unzufriedenheit feststelle und sie gerne wachrütteln würde. Klar, du kannst sagen, dass dein Leben geil ist. Aber wieso fliehst du dann nach einem +42 Stunden Job in die nächstgelegene Bar und ballerst dir deinen Schädel weg, um das alles wieder zu vergessen? Wieso hatest du anonym im Netz unter irgendwelchen Posts herum oder lästerst bei jeder Gelegenheit über Leute, vielleicht sogar aus deinem eigenen Freundeskreis, weil sie sich gönnen, was du eigentlich auch haben könntest? Weil dein Leben f***ing langweilig ist und nichts daran änderst. Ab und zu ist das eben ein Memo an mich selbst.

Zum Abschluss noch ein wenig Heimatbezug. In deiner Zeit bei „Keine Liebe“ warst du viel in Berlin unterwegs. Was macht Augsburg besser als das Großstadtleben?

Ich stehe einfach krass auf Natur, die mich erdet, wenn mein Kopf mal wieder durchdreht. Und um die zu bekommen, will ich mich ungern eine Stunde in eine U-Bahn setzen, um an einen völlig überfüllten Badespot zu kommen, wo mir Kids 15-Sekunden-TikTok-Trap- Schnipsel durch ihre JBL in die Ohren schleudern. Ich mag schon sehr, was ich kenne. Ich habe Familie und gute Freunde hier. Das möchte ich alles nicht missen und das ist mir wichtiger als oberflächliche Job-Beziehungen. In Augsburg steckt viel Potenzial und ich merke, dass das auch immer mehr ausgeschöpft wird. Daran will ich beteiligt sein.

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