Augsburgs Puppenkiste - Teil 2: Puppenspieler und Marionetten

Im zweiten Teil unserer großen Reihe über die Puppenkiste geht es heute um den Beruf des Puppenspielers und darum, wie die vielen einzigartigen Marionetten eigentlich entstehen.

Augsburgs Puppenkiste - Teil 2: Puppenspieler und Marionetten

Was wäre die Puppenkiste nur ohne ihre Marionetten und diejenigen Menschen, die im Hintergrund die Strippen ziehen? Viele sehen und lieben die liebevoll gemachten Aufführungen, wissen aber gar nicht, wie viel Aufwand und Hingabe dafür nötig sind.

Hannelore Marschall-Oehmichen, die Tochter des Puppenkiste-Gründers, hat in ihrem Leben über 5000 Marionetten geschnitzt, die noch heute sicher verpackt in den Archiven der Kiste hängen. Trotz der beachtlichen Zahl kann es dabei auch mal vorkommen, dass manche Puppen ihre Rolle wechseln, um Ressourcen und Zeit zu sparen. So soll als aufgrund der Aktualität eine Donald Trump-Marionette her musste, einfach die Frisur des schon bestehenden Dieter Bohlen-Modells ausgetauscht worden sein - Problem gelöst! Oft wird auch nur der Kopf oder Körper ausgetauscht, um neue Puppen zu erhalten.

Die meisten Exemplare werden vom Theaterleiter geschnitzt, jedoch beteiligen sich auch manche der Marionettenspieler an der Erweiterung des Repertoirs. Die Grundlage bildet übrigens ein Block aus Linden-Holz, da es sehr weich ist und nicht so stark splittert. Bevor diese jedoch bearbeitet werden, müssen sie erstmal 10 Jahre auf dem Dachboden lagern (was ein Grund dafür ist, warum man bei der Herstellung von neuen Puppen so sparsam ist). Aus einem Block entsteht dann nach und nach die komplette Marionette. Bemalt werden sie mit Ölfarben, bei den Augen gibt es aber eine Ausnahme: Da man früher wenig Geld zur Verfügung hatte und sich keine Glasaugen leisten konnte, wurden Schusternägel verwendet, die auch im Licht glänzten und den Augsburger Marionetten ihr heute charakteristisches Aussehen verleihen. Aufgemalte Augen würden schließlich viel zu leblos wirken.

Um die hölzernen Darsteller zum Bewegen zu bringen, werden auch heute noch stärkeres Garn verwendet und kein Nylon. Warum? Nylonfäden dehnen sich mit der Zeit aus und gerade bei der sehr hohen Bühne der Puppenkiste noch stärker. Irgendwann würden die Marionetten also ziemlich gebeugt oder gar kriechend daherkommen. Hinzu kommt, dass Nylon im Licht zu sehr schimmern würde.

Was ist noch wichtig für die Bewegung der Marionetten? Richtig: die Puppenspieler. Wusstet ihr, dass es für diese hohe Kunst, die aufwendig zu lernen ist, gar keine offizielle Ausbildung gibt? Das einzige, das einigermaßen daran herankommt, ist ein Studium des Figurentheaters in Berlin. Dort ist das Spielen von Marionetten nur ein Teilbereich. Wenn ihr bei der Puppenkiste anfangen wollt, gibt es aber noch einen anderen Weg. Völlig unabhängig von euren beruflichen Qualifikationen könnt ihr dort ein Praktikum absolvieren. Können eure Leidenschaft und Begabung für das Puppenspielen überzeugen, dürft ihr eine 6-jährige Ausbildung beginnen und werdet in das Team aufgenommen.

Ein wenig schauspielerisches Talent kommt definitiv auch zum Einsatz. Beim Spielen einer Marionette bringt der Spieler unbewusst so viele Eigenheiten von sich ein bzw hat einen so eigenen Stil, dass der Theaterleiter Klaus Marschall fast immer am Spielen erkennen kann, welches Mitglied seines Teams die Puppe gerade führt.

Der Beruf geht übrigens ganz schön auf die Knochen. Die Puppenspieler arbeiten während der Vorstellung durchgehend gebeugt, was auf Dauer logischerweise nicht gerade gesund ist. Deshalb bekommen sie einmal im Monat Besuch von einer Krankengymnastin, die sich um das Wohlbefinden der Truppe kümmert.

Im Gegensatz zu den früheren Vorstellungen könnt ihr die Stimmen der Spieler nicht mehr Live hören. In der Anfangszeit der Puppenkiste wurden noch alle Figuren live gesprochen, jedoch kam es durch den Umstand, dass die Marionettenspieler während einer Show die Figuren untereinander durchgewechselt haben, zu teilweise peinlichen Fehlern. Deshalb wurden die Sprechparts anfangs für kurze Zeit von Schauspielern des Theater Augsburg vertont, dann aber bald auf Tonband aufgenommen und abgespielt. Das gibt uns aber die Chance, auch noch heute die Stimme von Walter Oehmichen höchstpersönlich - der in den 70ern verstorben ist - in der Rolle des Dr. Faust zu hören. Die Möglichkeit, eine Marionette zu vertonen, ist so beliebt, dass selbst berühmte Fans der Puppenkiste wie Farin Urlaub oder Hella von Sinnen von sich aus nach einer Rolle als Gastsprecher angefragt haben.

Im nächsten Teil widmen wir uns dann der Puppenkiste und ihrer Beziehung zu Film und Fernsehen. Freut euch also auf Infos zu euren Lieblingen Urmel, Jim Knopf & Co ;)

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