Augsburgs Puppenkiste - Teil 1: Die Geschichte

Wer an Augsburg denkt, denkt meistens an die Fuggerei, aber oft auch an die Puppenkiste. Doch wie wurde eigentlich das einzigartige Marionettentheater zum inoffiziellen Wahrzeichen?

Augsburgs Puppenkiste - Teil 1: Die Geschichte

Licht aus, Spot an. Die Musik geht los, die charakteristischen Holzläden schwingen auf und geben den Blick frei auf bunt bemalte Kulissen, die schon bald von handgeschnitzten Marionetten belebt werden. Diesen Ablauf dürften wohl viele kennen und lieben. Nicht nur wir Fuggerstädter, sondern auch Fans aus ganz Deutschland und noch vielen anderen Ländern - Die Puppenkiste ist Kult. Doch gerade für uns Augsburger gehört die Puppenkiste einfach zur Kindheit - egal ob man mit großen Augen vor dem Fernseher/ im Theater selbst saß und die vielen Geschichten wie ein Schwamm aufgesogen hat oder nur von der Schule in eine Führung durch das dazugehörige Museum geschleift wurde. Ein paar interessante Fakten sollte man immer mitbekommen haben, aber hinter den großen, roten Vorhängen steckt so viel mehr. Aus diesem Grund haben wir uns mal behind the scenes begeben und eine kleine Reihe ins Leben gerufen, um euch die Puppenkiste noch näher zu bringen. Heute geht es los, wenn wir gemeinsam die Vergangenheit des Traditionstheaters beleuchten.

Die Geschichte der Puppenkiste beginnt mit der Geschichte von Walter Oehmichen am 30. Juli 1901. Der Sohn eines Zirkusclowns zeigte schon früh notwendige Fähigkeiten, die ihm später im Theater sehr nützlich gewesen sein dürften. Gute Noten in den Schulfächern Sport (viel Bewegung beim Marionettenführen), Zeichnen (Bühnenbilder und Marionettenbemalung) und Physik (selbstgemachte Spezialeffekte) beweisen das. Über einen kurzen Umweg mit einer Gesellenausbildung als Fotograf gelangte Oehmichen dann zu den Brettern, die die Welt bedeuten und wurde nach einer Schauspielausbildung Oberspielleiter am Stadttheater Augsburg in 1934. Auf diesem Weg lernte er auch seine Frau Rose Mönnig kennen, die er 1925 heiratete und mit der er 1929 Tochter Ursel bekam. Schon damals besaß er eine kleine, private Puppensammlung (u.a. japanische Stabfiguren und türkische Schattenfiguren) und inszenierte jährlich Weihnachtsmärchen für Kinder.

Im Jahr 1940 wurde Oehmichen dann in den Krieg eingezogen. Als er bei der französischen Stadt Calais stationiert war, entdeckte er in einem Kinderheim ein Theater, das jedoch ohne Puppen ausgestattet war. Kurzerhand bastelte er sich eigene aus zusammengesammelten Materialien und bespaßte seine Kameraden damit. Für kurze Zeit bot er ihnen eine Ablenkung vom Kriegsalltag, den Sorgen und Nöten. Als er die enorme Wirkung der Darbietung bemerkte, packte ihn endgültig die Begeisterung für das Puppenspiel.

Mit seiner Familie zimmerte er ein eigenes Haus-Marionettentheater in ihrer kleinen 2-Zimmer-Wohnung und spielte zunächst nur für private Freunde. Durch die Mobilität gaben sie dann ab 1943 öffentliche Vorstellungen. Als sie ihren „Puppenschrein“, wie sie es nannten, eines Abends nach einer Show im Stadttheater zurückließen, wurde dieses bombardiert und vom Schrein blieben nur noch Trümmer. Glücklicherweise hatte die Familie ihre Puppen mit nach Hause genommen und sie so unwissentlich gerettet.

1944 wurde Walter erneut in den Kriegsdienst eingezogen und landete mit einer Mandelentzündung in einem Lazarett in Darmstadt. Dort traf er einen Holzbildhauer, der ihm beim Schnitzen von eigenen Puppen half. So entstanden die ersten, von Oehmichen selbst hergestellten Marionetten - ein Storch und „Gevatter Tod“. Kurz darauf folgt ein weiteres schicksalshaftes Ereignis: Walter gerät in Kriegsgefangenschaft, wo ihn ein Mitgefangener für die Figur des Kasperls inspiriert.

Wieder zuhause in Augsburg angekommen, gab es schlechte Nachrichten. Oehmichen durfte aufgrund seiner Mitgliedschaft bei der NSDAP (zu der er gezwungen wurde, um Bühnenmitglied zu bleiben) nicht mehr ans Theater zurückkehren. Daraufhin versuchten Walter und seine Familie, wieder eine Puppenbühne zu betreiben. Durch provisorische Aufführungen erhielten sie Lebensmittelmarken und verdienten sich Stück für Stück das Geld für einen Theaterbau. Während dieser Zeit entsteht auch die Idee für ein reisetaugliches, mobiles Theater, aus dem sich letztendlich auch der Name Puppenkiste ergab.

Nachdem Oehmichen seine Theatererlaubnis erhielt, fanden er und seine Frau Rose im Heilig-Geist-Spital ihr neues Zuhause, das bis heute noch die Heimat unserer geliebten Puppenkiste ist. Das noch original von Elias Holl gebaute Gebäude wurde ihnen von der Stadt zur Verfügung gestellt und am 26. Februar 1948 zum aller ersten Mal eröffnet. Damals saßen die Zuschauer noch auf Bierbänken, Gartenstühlen und ähnlichem und für eine Zigarette konnte man sich ganze zehn Sitzplätze kaufen! Das allererste Stück, das aufgeführt wurde, war übrigens der „Gestiefelte Kater“, das perfekt zu Oehmichens Konzept des Puppentheaters passte. Warum? Weil dadurch Optimismus verbreitet wurde - schließlich bewältigt der Kater in der Geschichte alle Probleme.

In der nächsten Woche erfahrt ihr dann alles Wissenswerte zum Beruf des Marionettenspielers und der Herstellung der hölzernen Darsteller. Seid gespannt!

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