Augsburgs Pop-Literaturpreis & Verlieben auf der Afterparty

Junge Leute interessieren sich nicht für Literatur? Von wegen! Der Augsburger Pop-Literaturpreis beweist es und sprüht vor Tatendrang, Coolness und Leidenschaft. Wir haben die InitiatorInnen des Preises um ein Interview gebeten.

Augsburgs Pop-Literaturpreis & Verlieben auf der Afterparty

Augsburg hat seit vergangenem Jahr einen Pop-Literaturpreis, den „Literaturpreis für Magic, Pop und Ewigkeit“. Damit ist das Literaturhaus Augsburg der Initiator für den ersten Preis dieser Art in ganz Deutschland. Dr. B., Dr. D. und Katrin M. haben den Preis ins Leben gerufen und uns im Interview erzählt, wie es dazu kam und woher die ganze „Magic“ kommt.

Wie kam es dazu, dass ihr den Pop-Literaturpreis ins Leben gerufen habt?

Team Literaturhaus Augsburg: Das Literaturhaus Augsburg ist ja für seine toll-dreisten Einfälle bekannt. Wenn uns ein interessanter Gedanke kommt, setzen wir ihn einfach um.

Außerdem ist uns die Literaturszene zu selbstreferentiell und verstaubt. Man kann so viel mehr aus Literatur machen als ein Mikrofon und ein Glas Wasser für die AutorInnen aufzustellen. Das Wort ist nicht heilig. Hierzulande tut man so, als würde alles Drumherum ablenken: sola scriptura oder so. Außerdem haben wir einfach Bock auf eine große Gala, die die Literatur – oder besser eigentlich: die gesamte Kultur – oder besser eigentlich: das Leben feiert. Wir wollen keinen neuen Biedermeier. Davor haben wir große Angst.

Wer hat ihn initiiert und aus welchen Beweggründen heraus?

Die Crew des Literaturhauses Augsburg hat den ersten deutschen Popliteraturpreis aus einer Schnapslaune heraus ins Leben gerufen, als wir zusammen in Dr. Ds Wohnung in Stuttgart saßen, Kette geraucht und über Jordan Petersons neues Album philosophiert haben. Dann riefen wir unseren lieben Freund, den großartigen Schriftsteller Eckhart Nickel an, der sofort Feuer und Flamme für unsere Pläne war und die wunderbare Alexa Hennig von Lange in die Jury holte. Ich selbst wusste, dass Polly, die Sängerin der Münchner Kraut-Disco-Band Pollyester, ein interdisziplinäres Multitalent ist, und so hatten wir unsere Jury in nur einem Tag zusammengebaut.

„Wir sind davon überzeugt, dass Popliteratur eine glänzende Zukunft hat.“

Popliteratur wurde ja als historische Strömung immer als oberflächlich abgetan, weil man in Deutschland Intellektualität traditionell als Monstranz vor sich herträgt. Die Autorinnen und Autoren dieser Zeit haben da aber nicht mitmachen wollen. Die Qualität einzelner Texte wurde zwar durchaus anerkannt, aber dann nicht mit der literarischen Strömung in Verbindung gebracht. Es wird Zeit, dass man ernst macht mit der tausendmal herbeigeredeten Brücke zwischen ernstzunehmender und unterhaltender Literatur. In diesem Land wird der Ernst zelebriert. Mit dem ersten deutschen Popliteraturpreis werden wir versuchen, die Literatur auszumachen, die all das in sich vereint. Wir suchen nach lesbaren, unterhaltenden und ungewöhnlichen Geschichten mit Anspruch. Wir wollen mit dem Preis für Magic, Pop und Ewigkeit nicht nur der historischen Strömung ein Denkmal setzen. Wir sind davon überzeugt, dass Popliteratur eine glänzende Zukunft hat. Sie findet in jeder Zeit neue Ausdrucksformen, und wir freuen uns darauf, diese Formen zu finden.

Interessieren sich junge Leute noch für Literatur?

„Außerdem gibt es Bücher, die noch dazu einfach geil aussehen und einen zieren, wenn man sie im Café liest und dann in die Sakkotasche steckt.“

Junge Leute interessieren sich für gute Geschichten. Alte Leute genauso. Jeder interessiert sich für Geschichten. Netflix & Co. machen ja nichts anderes, als uns mit Geschichten versorgen. Manchmal besser, manchmal schlechter. Ich fühle mich nach einem Bingewatch-Abend oft leer. Es bleibt nichts hängen. Meistens sind die Geschichten bestenfalls medioker, und – das ist für uns der entscheidende Unterschied zum Buch – sie lassen keine Leerstellen, die von der eigenen Fantasie gefüllt werden können. Wenn man mit an der Konstruktion der literarischen Welt mitwirkt, bleibt mehr hängen. Außerdem gibt es Bücher, die noch dazu einfach geil aussehen und einen zieren, wenn man sie im Café liest und dann in die Sakkotasche steckt. Was für Filme und Serien gilt, ist in der Literatur ähnlich: es ist schwierig, gute Geschichten zu finden bei der Masse an Büchern. Wir vom Literaturhaus sind keine Vielleser, die alles verschlingen. Wir lesen sehr selektiv. Für’s Lesen braucht man Zeit und Muße, die oft fehlt. Deshalb muss das Buch, dem wir unsere Zeit widmen, einfach richtig gut sein.

Das Erzählen und Lesen von Geschichten ist sogar lebenswichtig. Nur so bekommt unser eigenes Leben Sinn.

Wir erzählen ja alle auch unsere eigene Geschichte. Ob diese Geschichte realistisch oder Ausdruck von Verdrängung oder Ähnlichem ist, ist eine andere Frage. Wir sind keine großen Fans von „plattem“ Realismus, aber dieses Fass wollen wir hier gar nicht aufmachen. Das kann man in unserem Manifest auf der Website zum Literaturpreis nachlesen. Unser Publikum ist sehr durchmischt. Zu unserer multisensorischen Lesung mit Eckhart Nickel zum Beispiel kamen sehr junge Menschen, die mit Literatur normalerweise wenig Berührungspunkte haben, Menschen in unserem Alter, aber auch ein traditionelleres, kulturaffines Publikum.

Was hat euch seitdem ihr mit der Arbeit am Pop-Literaturpreis angefangen habt, am meisten gefreut?

Die Zeit für einen deutschen Popliteraturpreis war überreif.

Die große Resonanz der Verlage und Autoren hat uns am meisten gefreut. Wir erhalten viel Zuspruch und Lob von allen Seiten. Offenbar hat da wirklich etwas gefehlt. Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet, eher mit wohlwollender Indifferenz. Autorinnen und Autoren, die gar kein Buch im Rennen haben, schrieben uns, dass die Zeit für den ersten deutschen Popliteraturpreis überreif sei. Und natürlich die Qualität der Einsendungen. Damit kann man bei einem neuen Preis, selbst wenn es sich um den großartigsten aller Literaturpreise in der Geschichte der Bundesrepublik handelt, nicht rechnen. Augsburg ist dafür der ideale Standort, denn die Stadt ist nicht als Literaturhochburg bekannt – no offense! Es gibt hier viele tolle Leute, die anspruchsvolle Dinge auf die Beine stellen. Wir sind fasziniert von dieser Stadt. Es passt zur Popliteratur, dass sie nicht in Berlin stattfindet. Oh, fast vergessen: Eines unserer Highlights war ein Instagram-Interview mit dem Plüschkaninchen „Wölkchen“.

Wann wird man wieder von euch hören? Und welche Möglichkeiten gibt es den Pop-Literaturpreis mitzugestalten?

Wenn der Barkeeper und der Tontechniker wild mitdiskutieren …

Natürlich sollen alle zur großen Gala am 15. Mai ins Hotel Maximilian‘s kommen! Wir werden neben intensiven Gesprächen mit den Autorinnen und Autoren unserem Publikum einiges bieten. Karten können bei uns per E-Mail oder bei unserem Partner Bücher Pustet in Augsburg reserviert werden. Ansonsten sind wir für Ideen immer offen. Schreibet uns gerne Emails. Die absurdesten werden auf unserer Literaturhaus-Augsburg-Webseite ausgestellt – natürlich anonymisiert. Wir planen den ersten deutschen Popliteraturpreis alle zwei Jahre zu vergeben, damit wir auch noch das tun können, wofür wir brennen: außergewöhnliche Literaturereignisse kreieren. Und da geht’s hoch her. Ich kann mich an eine wilde Veranstaltung erinnern („Welt ohne Menschen“ – für die wir unverständlicherweise kein Sponsoring von einem berühmten Kondomhersteller an Land ziehen konnten), das Publikum war so heiß zu diskutieren, dass sich am Ende Barkeeper und Tontechniker mit in die hitzige Diskussion eingeschaltet hatten.

Literatur, die Menschen zusammenbringt.

Während Corona hat sich noch eine zweite Dimension ergeben. Es geht nicht mehr nur darum, gute, substanzielle und trotzdem unterhaltende Literatur zu promoten. Es geht um Veränderungen in der Gesellschaft in einem größeren Sinne. Wir wollen keinen neuen Biedermeier, wie er sich momentan anbahnt mit einem Rückzug ins Private. Die Leute spielen Computerspiele – hier kann man wenigstens virtuell zusammenkommen –, shoppen und daten fast ausschließlich online. Wir wollen, dass die Menschen zusammenkommen, sich vielleicht nach einer Lesung beim Gespräch oder der Afterparty verlieben, mit anderen Worten: zusammen Geschichten erleben, die sie dann im Idealfall weitererzählen können. Kultur ist letztlich nichts anderes als Gemeinschaft.

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