Benjamin Mitschele – einmal 9 an einen Augsburger Koch

Mit dem Augsburger Koch Benjamin Mitschele, Betreiber & Koch der Alten Liebe und Mitbetreiber des Oh Boi & der Blauen Kappe, geht unsere „Augschburger“-Interviewreihe in die nächste Runde

Benjamin Mitschele – einmal 9 an einen Augsburger Koch

Aus der Augsburger Gastro-Szene ist er inzwischen wohl nicht mehr wegzudenken: Benjamin Mitschele. Der gebürtige Augsburger, der zwischenzeitlich drei Jahre lang in Berlin gelebt hat, absolvierte seine Ausbildung zum Koch im Magnolia, erfüllte sich mit der Alten Liebe im Theaterviertel einen Herzenswunsch und betreibt gemeinsam mit Christoph Steinle die Street-Food-Bar Oh Boi und die Blaue Kappe im ehemaligen Odeon, in der gutbürgerliche Küche neu interpretiert wird.

Bei einem gemeinsamen Mittagessen haben wir mit dem sympathischen Augsburger Koch im Rahmen unserer „Augschbürger“-Interviewreihe über aktuelle Projekte, die Augsburger Gastro-Szene aber auch Persönliches gesprochen:

1. Was machst du gerade? An welchem Projekt arbeitest du?

Derzeit arbeite ich viel mit meinem Partner Christoph Steinle und meiner Schwester Laura an unseren Projekten Blaue Kappe und Oh Boi. Die Blaue Kappe haben wir erst diesen Monat in den ehemaligen Räumlichkeiten des Odeon als Restaurant eröffnet. Wir hoffen, dass Augsburg dadurch um ein gutes Restaurant und eine Viertelkneipe reicher ist. Im Oh Boi kann ich meine Liebe zu asiatischem Street Food und gut gekühlten Drinks ausleben. Das genieße ich sehr. Ich war viel in Südostasien unterwegs. Mit meiner Lebensgefährtin bin ich derzeit auf der Suche nach einer Möglichkeit einer stadtnahen Kleingärtnerei, in der wir unsere eigenes Gemüse anbauen können Und last but not least natürlich an der Wiedereröffnung der Alten Liebe

2. Du stehst ja bei deinen verschiedenen Projekten auch regelmäßig in der Küche und kreierst neue Gerichte. Was kochst du, wenn du daheim für Freunde kochst?

Für Freunde koche ich am liebsten unter freiem Himmel an einem Lagerfeuer mit Holzkohle. Einfache Dinge, frische Dinge. Gemüse und gerne auch ein Stück Fleisch oder Fisch, etwas Salz, Säure und Fett, frische Kräuter und ein gutes Gläschen Wein dazu reichen meistens, um glücklich zu sein.

3. Wie sieht ein ganz normaler Tag in deinem Leben aus?

Durch mein Leben als Koch/Gastronom habe ich mir einen gewissen Rhythmus angewöhnt. Ich gehe eher spät ins Bett und bin folglich auch nicht unbedingt ein Frühaufsteher. Wenn ich dann mal wach bin, mache ich mir eigentlich erst mal Gedanken darüber, was ich heute am liebsten essen würde. *Lachen* Danach mache ich mich meistens schnell an die Arbeit. Zur Zeit sind das neben der gemeinsamen Entwicklungen von neuen Gerichten zusammen mit meinen Köchen auch viele konzeptionelle, planerische und organisatorische Sachen. Das macht mir alles auch richtig viel Spaß. Am liebsten aber stehe ich eigentlich in der Küche. An freien Tagen kann ich mich aber auch herrlich treiben lassen.

4. Was ist dein Lieblingsort in Augsburg?

Schwere Frage. Es gibt so viel Schönes hier. In meiner freien Zeit bin ich viel zu Fuß unterwegs und laufe so nach und nach meine Orte ab. Ganz oben auf der Liste steht der Lech!

5. Welches Buch/Film/Lied/Vorbild hat dich inspiriert, etwas in deinem Leben zu verändern?

Ich denke Jack Kerouacs „The Dharma Bums“ war früher mal so ein Buch, das viel in mir bewegt hat. Heute lese ich ziemlich viele Kochbücher.

6. Wenn du eine berühmte Persönlichkeit - egal ob lebendig oder tot - treffen dürftest: Wer wäre es und warum?

Ein Abendessen mit Fergus Henderson. Ich empfinde sein Kochbuch „The Complete Nose to Tail“ als eines der wichtigen unserer Zeit. Es geht um die ganzheitliche Verwendung von Tieren. Für mich als Koch heißt das eben nicht nur die edlen Teile zu verarbeiten, sondern eben auch die, von Wolfram Siebeck so ironisch als „Igitterein“ bezeichneten, wie Herz, Niere und Kutteln. Nicht um sonst hatten wir in der Alten Liebe immer ein Gericht als Hommage an ihn auf der Karte: Knochenmark, Petersiliensalat & Röstbrot.

7. Was würdest du machen, wenn du König von Augsburg wärst?

Als erstes würde ich Essen in Restaurants nach österreichischem Vorbild mit 10% statt 19% besteuern. Wir kaufen Lebensmittel für 7% ein und müssen sie verarbeitet mit 19% versteuern. Ich möchte das jetzt nicht vorrechnen aber ich denke durch diese Änderung würde für Gast und Gastronom einen tatsächlichen Mehrwert entstehen. Und natürlich würde ich die Sperrstunde abschaffen.

8. Wie siehst du die Augsburger Gastro-Szene? Was hat sich verbessert, was vermisst du?

Ich habe das Gefühl, dass Augsburg langsam aus seinem gastronomischen „Dornröschenschlaf“ erwacht. Ich hoffe, dass neben unseren wunderbaren angestammten und individuellen Lokalen viele neue eröffnen werden. Ein neues Interesse an Lebensmitteln ist erwacht und gutes Essen hat einen ganz neuen Stellenwert erreicht. Man spricht darüber und unsere Gäste wissen immer mehr über verschiedene Gerichte, Genussmittel und auch über verschiedene Landesküchen und -stile. Woran es leider immer noch fehlt, ist ein gutes Netzwerk von kleineren Erzeugern aus der Region. Wir haben hier so viel Gutes angefangen bei frischem Gemüse über Milchprodukte und Fleisch, bloß eben leider keine entsprechende Verteilung. Weder die Augsburger Gastronomen, noch die erzeugenden Betriebe aus dem Umland können diesen Mehraufwand leisten, an verschiedene Stellen abzuholen oder zu beliefern. Was ich mir definitiv für Augsburg wünsche: Mehr Individual-Gastronomie und weniger rechenschieberische, systemgastronomische Großkonzepte und Ketten.

9. Es gibt ja den alten Spruch „Wer nix wird, wird Wirt". Ganz so einfach ist es ja aber nicht. Was kannst Du jungen ambitionierten Gastro-Noobs mit auf den Weg geben?

Wenn du es ehrlich meinst: Mach es einfach! Und speziell für die Köche ein Zitat von Marco Pierre White: „Probieren. Probieren. Probieren.“

Logo