Ukrainerin flieht mit Waisenkindern nach Augsburg: So war die Flucht

Am vergangenen Sonntagnachmittag sind 29 Kinder und zwei Erzieherinnen aus einem Kinderheim in der Ukraine in Augsburg angekommen. So war die Flucht.

Ukrainerin flieht mit Waisenkindern nach Augsburg: So war die Flucht

Lidija D. ist Erzieherin in einem Kinderheim in der Ostukraine, in der Nähe der Stadt Donezk. Am vergangenen Donnerstag, den 3. März um 8 Uhr begibt sie sich mit 29 Kindern und Jugendlichen des Heimes auf den Weg nach Augsburg. Im Rahmen einer Pressekonferenz, die am 9. März im Sozialreferat Augsburg stattfand, erzählte sie mithilfe einer Dolmetscherin von ihrer Flucht.

Ukrainerin aus Augsburg stellte Kontakt her

In dem Heim im Donezk wohnen Kinder und Jugendliche allen Alters. Bis 28 Jahre darf man dort wohnen. Im Heim sind Waisenkinder zuhause, aber auch Kinder deren Eltern sich nicht um sie kümmern können. Lena Z. ist eine Ukrainerin, die seit über 20 Jahren in Augsburg wohnt. „Ich habe in den Nachrichten Bilder von Waisenkindern gesehen, die sich in einem Bunker verstecken mussten und kein Essen mehr hatten“, erzählt sie. „Ich habe gedacht, ich kann helfen, denn ich spreche ja beide Sprachen.“ Über eine Arbeitskollegin kam sie an einen Ansprechpartner vor Ort. Der hat ihren Kontakt an den Leiter des Kinderheimes weitergeleitet und dieser habe sich bald bei ihr gemeldet.

So schnell weg wie möglich

Er hat erzählt, dass sie bereits mit den Vorbereitungen für eine Flucht beschäftigt sind, da sie vermutlich bald bombardiert werden könnten und auch keinen Strom mehr haben, sondern von Notstromaggregaten leben. Als erstes hat sich Lena Z. dann an ein Reisebusunternehmen gewandt, mit dem sie selbst immer in ihre Heimat fährt. Dieses hat sofort angeboten, die Kinder nach Deutschland zu fahren und den leeren Bus mit Hilfsgütern voll gepackt zurück in die Ukraine zu fahren. Danach suchte sie bei verschiedenen Webseiten bayrischer Städten nach Möglichkeiten, die Kinder unterzubringen. „Hier auch nochmal ein großes Lob an die Stadt Augsburg, das war die einzige Stadt, die eine E-Mail-Adresse hatte, bei der man sich melden konnte, wenn man Geflüchtete kennt, die bereits auf dem Weg nach Deutschland sind“, erklärt Lena Z. An diese Adresse habe sie sofort geschrieben und bereits nach vier Stunden habe sich Joachim Herz, der Leiter des Amt für Kinder, Jugend und Familie gemeldet. „Er hat fast direkt zugestimmt und dann haben wir alles Schritt für Schritt eingeleitet.“ Die Kinder sollen zunächst bis zum 19 April in der Jugendherberge Augsburg unterkommen.

Bombenschutzübungen im Heim

Am 24. Februar erklärte Putin einen Angriffskrieg auf die Ukraine. „Die Kinder hatten Angst“, erklärt Lidija D, die Erzieherin des Heimes. Die ErzieherInnen versuchten die Kinder vor allem mit Spieleabenden und anderen Gemeinschaftsaktivitäten abzulenken, damit sie nicht ständig die Nachrichten konsumieren. Als es dann aber akuter wurde, übten die ErzieherInnen zusammen mit den Kindern und dem Heimleiter, wo sie sich in Sicherheit bringen, falls sie bombardiert werden. Dann fingen sie an, gemeinsam in den Fluren zu schlafen, da die Zimmer alle Fenster haben und es zu gefährlich wäre, weiterhin dort zu schlafen. Die Kinder und auch die Mitarbeitenden im Heim haben die Geräusche der Bombardierungen gut gehört. Lidija und die anderen ErzieherInnen versuchten die Kinder zu beruhigen, indem sie ihnen sagten, wenn die Bomben hier in der Nähe wären, würde man Sirenen hören.

Die Flucht

Genau in Lidijas Schicht, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war, wurde die Flucht nach Augsburg organisiert. Sie ist nur kurz nach Hause und hat ein paar Sachen für sich und ihr eigenes Kind gepackt. Dann hat sie den Kindern beim Packen geholfen, was anspruchsvoll war, denn in der Stadt in der Ukraine herrscht abends eine Sperrstunde, nach der man nicht mehr raus gehen kann. Deshalb konnte sie nicht zu den Eltern der Kinder fahren und dort Sachen packen.

„Kommen wir lebend an?“

Am Donnerstagmorgen, den 3. März um 8 Uhr ging es dann los zum Bus. Die 29 Kinder und zwei ErzieherInnen wurden von vielen Soldaten zum Schutz begleitet. Auch der Busfahrer selbst, war kein normaler Busfahrer, sondern vom Militär, er hatte ein Gewehr dabei. „Wir haben noch nie so viele Gewehre und Waffen auf einmal gesehen“, erzählt Lidija. Mit dem Bus wurden sie zum Zug gebracht. Die SoldatInnen haben gewartet bis alle im Zug sind, da dort große Menschenmassen in den Zug einsteigen wollten und sie Angst hatten, dass nicht mehr alle Kinder reinkommen. Der Zug sollte um 9 Uhr los fahren. Tatsächlich fuhr er erst um 16 Uhr los. Es wurde immer wieder durchgesagt „in einer Stunde fahren wir“, erzählt Lidija. Der Grund war, dass der Zug nicht einfahren konnte, da die Gleisen bombardiert wurden. Als die Kinder das hörten, fragten sie immer wieder: „Kommen wir denn dann überhaupt lebend in Deutschland an?“

Im Dunkeln unterwegs

Sobald die Sonne in der Ukraine untergeht, soll man kein Licht mehr anmachen, keine Handys benutzen und immer überall die Vorhänge und Rollläden runterlassen. Deswegen waren auch im Zug alle Vorhänge geschlossen und somit waren die Menschen komplett im Dunkeln unterwegs. Der Zug hält auch in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. „Dort sitzen Menschen seit Tagen nur im Bunker und erzählen natürlich was dort alles passiert, ohne Rücksicht auf die Kinder zu nehmen“, erzählt Lidija. Die Kinder hätten immer größere Augen gemacht und immer mehr Angst gehabt, sagt sie.

Lidija telefonierte mehrmals am Tag mit Lena Z. Diese sagte, der Bus nach Deutschland stehe direkt bereit und fragte ob sie sofort mitfahren möchten. Doch die Erzieherinnen und die Kinder waren so erschöpft, dass sie erstmal noch eine Nacht in Lwiw essen und schlafen wollten. Am Samstagmorgen fuhren sie dann mit dem Reisebus nach Deutschland.

In Sicherheit

Die Stimmung im Reisebus nach Deutschland war deutlich besser, sie wussten, jetzt haben sie es geschafft, sie sind in Sicherheit, erzählt die Erzieherin. Allerdings kam dann die nächste Hürde und zwar die Grenze zu Polen. Riesige Autoschlangen warteten vor der Grenze. Außerdem mussten von allen Kindern die Papiere kontrolliert werden, erklärt Lidija. Insgesamt mussten sie fünf Stunden warten. Dann konnten sie endlich über die Grenze fahren. „Die Menschen in Polen an der Grenze waren unglaublich hilfsbereit“, sagt sie. Leute kamen mit ganzen Einkaufswagen voller Essen und Trinken auf sie zu und sie konnten viel mit in den Bus nehmen. Auch die Busfahrt selber war angenehm, erklärt sie. Alle konnten gut schlafen, da sie bis auf ein paar Passagiere den Bus für sich hatten. Gegen 15.30 Uhr am Sonntagnachmittag, den 6. März, erreichen sie dann endlich die Jugendherberge Augsburg.

Dankbarkeit

Lidija erklärt immer wieder, wie dankbar sie Herrn Herz, Lena Z. allen Menschen, die sonst geholfen haben und der Stadt Augsburg ist. Sie sind am Donnerstagvormittag geflohen und bereits am gleichen Abend wurde genau in dem Gebiet, in dem das Heim steht, eine so genannte Cluster-Bombe, die sich kurz vor dem Boden in viele kleine Bomben teilt, abgeworfen. Das Heim steht zwar noch, aber sie sind trotzdem froh, dass sie so schnell dort weg konnten. Außerdem fühlen sie sich in der Jugendherberge Augsburg sehr wohl. Sie hätten noch nie so gut gegessen und so schöne Zimmer gehabt. Trotzdem denken die meisten, dass sie bald wieder zurück können und vermissen ihre Heimat, genau so wie die Menschen, die sie zurück lassen mussten. „Wir telefonieren oft mit dem Heimleiter und die Kinder erzählen ihm, dass sie es bereuen dass sie nicht immer brav waren und dass sie ihn sehr lieb haben“, erzählt Lidija zum Schluss. Die freien Plätze im Heim in Donezk, werden jetzt vor Ort ebenfalls für schutzsuchende UkrainerInnen verwendet.

Wie es jetzt mit den Kindern in Augsburg weitergeht, lest ihr hier.

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