Impfung oder Genesung: Was schützt besser?

Der Genesenenstatus wurde verkürzt. Viele behaupten aber eine natürliche Immunität schütze besser als die Impfung. Wir checken die Fakten.

Impfung oder Genesung: Was schützt besser?

Im Januar hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) den Genesenenstatus überraschend von sechs auf drei Monate verkürzt - was massive Kritik nach sich zog. Als Konsequenz will Gesundheitsminister Karl Lauterbach dem RKI diese Kompetenz wieder abnehmen. Begründung des Robert Koch-Instituts: Wegen der Omikron-Variante bestehe ein größeres Risiko, nach dieser Zeit noch zu erkranken oder Überträger zu sein. Doch immer wieder pochen Menschen auf das Gegenteil. Wir geben einen Überblick.

Wie unterscheidet sich der Schutz Geimpfter und Genesener?

Grundsätzlich haben eine Infektion und eine Impfung für den Körper viel gemeinsam: Beide wirken wie ein Kontakt mit dem Virus, durch beide wird das Immunsystem angeregt. Der Eindringling selbst, und auch die durch die Impfung produzierten unschädlichen Viruspartikel (Spike-Proteine), werden als körperfremd erkannt und bekämpft. Das Ziel: Den Erreger unschädlich machen und eine Erinnerung an ihn aufbauen. Der Körper produziert dafür Antikörper, die bestimmte Oberflächenproteine des Virus erkennen. Die Antikörper heften sich an das Virus und machen ihn dadurch unschädlich. Zusätzlich gibt es noch eine zelluläre Immunantwort. Es werden verschiedene Arten von T-Zellen gebildet. T-Killerzellen können infizierte Zellen direkt zerstören. T-Helferzellen regen zur Bildung von Antikörpern an.

Genesenenschutz individueller

Ein Unterschied ist, dass bei der Impfung immer die gleiche Menge Impfstoff verabreicht wird. Zwar kann das je nach Person zu einem stärkeren oder schwächeren Immunschutz führen, bei einer Infektion ist diese Streuung aber viel stärker. Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, erklärt im Interview mit der Tagesschau warum der Genesenenschutz viel individueller ist: „Das hängt sowohl von der Variante und der Menge an Virus ab, als auch vom Verlauf. Leichte Verläufe haben oft auch eine geringere Immunantwort zur Folge." So ist es derzeit oft bei der weniger gefährlichen Omikron Variante der Fall.

Immunantwort bei Genesenen breiter

Bei einer Impfung kommt man nicht mit dem ganzen Virus in Kontakt, sondern nur mit Teilen des Spike-Proteins. Dementsprechend ist auch die Immunantwort Spike-spezifisch. Bei einer Infektion werden zusätzlich zu der Immunantwort gegen das Spike-Protein auch Antikörper und T-Zellen gegen andere Hüllproteine des Virus produziert. Das heißt: Genesene entwickeln prinzipiell eine etwas breitere Immunantwort als Geimpfte. Diese hält allerdings nach einer Infektion nicht sehr lange an, berichtet Martina Prelog, Fach-Immunologin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie der Tagesschau. „Der Abfall der Immunantwort beginnt nach drei Monaten, schon nach sechs Monaten ist der Großteil der schützenden Antikörper wieder weg."

Mehrmaliger Viruskontakt

Bei natürlicher Immunität ist im Normalfall von einer einzigen Infektion die Rede. Die kann man aber nicht mit einer dreifachen Impfung gleichsetzen, betont der Immunologe Gerald Wirnsberger vom Pharmaunternehmen Invios in einem Interview mit dem Magazin Standard. „Es geht im Prinzip darum, wie oft das Immunsystem das Virus gesehen hat", sagt auch die Immunologin Martina Prelog gegenüber der Tagesschau. Also wie oft das eigene Immunsystem stimuliert worden sei, um ein Immungedächtnis aufzubauen. „Das Immunsystem lernt mit jeder Exposition, also mit jedem Kontakt, durch Impfung oder durch den Erreger selbst. Und dadurch kann es einen sehr, sehr guten Immunschutz aufbauen." Daher auch die Empfehlung an Genesene, sich impfen zu lassen.

Ob Genesene oder Geimpfte besser geschützt sind, hängt von der Variante ab

„Es kommt darauf an, mit welcher Variante man sich infiziert hat, ob es unter Umständen sogar mehrere Infektionen gab und ob und wenn ja wie viele Impfungen man bekommen hat. Dazu gibt es auch noch Unterschiede zwischen den einzelnen Impfstoffen", sagt Prelog im Tagesschau-Interview weiter. Es gibt zwar mittlerweile immer mehr Daten und Studien zu dem Thema, doch vor allem die Daten zur Omikron-Variante sind noch nicht ausreichend vorhanden.

Lage muss für jede Variante neu untersucht werden

Reinhold Förster, Immunologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), sagt deshalb im Interview mit dem Bayrischen Rundfunk (BR): Im Grunde müsse mit jeder Mutation des Coronavirus neu bewertet werden, was besser vor einer (erneuten) Infektion schützt, die verfügbaren Impfungen oder eine vorherige Infektion. Erst nachdem eine Variante von der nächsten verdrängt wird, könne man anhand der großen Anzahl an verfügbaren Daten sehen, wie viele der Infizierten vorher bereits geimpft oder genesen waren. Schon in der Vergangenheit habe sich dieses Verhältnis teilweise verändert. Solange zum Beispiel noch der Wildtypus und die Alpha-Variante vorherrschten, „war es ganz klar so, dass die zweifachen Impfungen besser geschützt haben vor einer Infektion als eine durchgemachte Infektion. Nach der Delta-Welle war es so, dass man den besten Schutz hatte, wenn man sich mit Delta infiziert hatte - und vielleicht dazu noch geimpft war. Wie das jetzt mit Omikron ist, das wissen wir im Sommer", sagt Förster im Interview mit dem BR weiter.

So viel ist aber klar: Je öfter der Körper mit dem Virus oder auch mit einem Vakzin in Kontakt kommt, idealerweise in bestimmten, längeren Zeitabständen, desto besser und länger anhaltend ist auch der Schutz.

Hybrid Immunity schützt am besten

„Eine einzige Infektion mit einer früheren Virusvariante bietet keinen besonders guten Schutz gegen Reinfektion, vor allem nicht gegen eine Virusvariante mit so vielen Mutationen wie Omikron. Die Kombination aus Infektion und Impfung, eine hybrid immunity, schützt wesentlich besser", so der Immunologe Gerald Wirnsberger im Interview mit der Standard. Auch der Virologe Christian Drosten sagt im NDR Corona Virus Update Podcast: „Die ideale Immunisierung ist, dass man eine vollständige Impfimmunisierung hat - mit drei Dosen - und auf dem Boden dieser Immunisierung sich dann erstmalig und auch zweit- und drittmalig infiziert mit dem wirklichen Virus".

Mehrmalige Corona-Infektion für Omikron-Genesene möglich

Dass Omikron BA.1 und BA.2 eher milde Verläufe verursachen, also nicht so krank macht wie die anderen Corona-Viren, liegt unter anderem an den Mutationen der neuen Varianten. Diese verändern den Krankheitsverlauf: Die Viren infizieren in der Regel nur die oberen Atemwege - oft ohne Symptome. Sie können der Immunantwort des Körpers besser entkommen. Das führt nicht nur dazu, dass das Immunsystem im oberen Atemwegsbereich nicht so stark reagiert und somit auch weniger Antikörper bildet, sondern dass das Hauptimmunsystem auf die Eindringlinge ebenfalls kaum reagiert und wenig Abwehrmaßnahmen einleitet. Deshalb ist es laut Experten und Expertinnen möglich, sich mehrmals mit dem Virus zu infizieren - auch wenn die Abstände dazwischen immer größer werden.

Der Weg aus der Pandemie sind die Impfungen

„Die erworbene Immunität durch eine Omikron-Infektion hält nicht lange an. Menschen können und werden sich also reinfizieren, aber nicht nur mit Omikron, vermutlich auch mit anderen Varianten wie Delta, die noch kursieren“, betont Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Eine Herdenimmunität könne so nicht solide aufgebaut werden. Corona-Impfungen sind also laut ExpertInnen der beste und schnellste Weg aus der Pandemie.

Auf keinen Fall absichtlich infizieren

Sich absichtlich mit der Omikron-Variante des Coronavirus anzustecken ist keine Alternative zur Immunisierung durch Impfung. Auch eine Infektion mit Omikron birgt Risiken. Hier kommt die Unberechenbarkeit des Virus ins Spiel. Nicht nur schwere bis tödliche Verläufe können Infizierten mitunter drohen, sondern auch Langzeitfolgen – auch bekannt als Long Covid. Die Symptome sind meist unspezifisch, können von Kopfschmerzen bis Konzentrationsstörungen reichen und halten zum Teil mehrere Wochen bis Monate an. Wie häufig Spätfolgen nach Infektionen auftreten und welche Risikofaktoren es gibt, ist noch nicht abschließend geklärt.

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