Ein Leben ohne Alkohol

Ich habe lange Zeit keinen Tropfen Alkohol getrunken. Seit kurzem trinke ich wieder. Warum erfahrt ihr in diesem Statement.

Ein Leben ohne Alkohol

Wer in Deutschland aufwächst, merkt schnell, dass sich immer und überall alles um Alkohol dreht. Das Feierabend Bier ist in Bayern sowieso obligatorisch und auch sonst findet man genügend Gründe, um anzustoßen: Geburtstage, Wochenende oder der gemütliche Wein zum Abendessen. So ist der Konsum von Alkohol fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Alkohol als Ausdruck von Freude und Gemütlichkeit.

Als Kind fand ich das immer sehr befremdlich. Das liegt wohl daran, dass ich schon ziemlich früh einige Menschen kennenlernte, die vom Alkohol seelisch und körperlich gebrochen wurden. Als mein Freundeskreis also damals mit ungefähr 15 Jahren begann die ersten Biere zu probieren, sträubte ich mich innerlich dagegen. Ich merkte damals aber schnell, dass ich in diesem Lebensabschnitt in meinem Freundeskreis nicht viel Freude haben werde, wenn ich mich nicht den Konventionen unterwerfe. Es dauerte also nicht lange, bis auch ich das Ethanol in verschiedensten Varianten zu schätzen lernte. Die Stimmung wurde ausgelassener, die Abende unvergesslich und die jugendliche Naivität lies uns unsterblich fühlen. Trotzdem war damals noch alles im Rahmen. Wir waren unter der Woche mit der Schule beschäftigt und an manchen Wochenenden war man feiern. Das gehört in diesem Alter ja auch irgendwie dazu.

Grenzwertiger wurde es dann in meiner Studienzeit. Von zu Hause ausgezogen, frei und unabhängig hatten wir die ganze Stadt zu Füßen. Mit meiner Bachelor Clique erforschten wir die gesamte Augsburger Clublandschaft. Wir ließen kaum eine Semester-Opening-Party aus, sahen durch das Stroboskop das Semester vorbeiziehen, um unsere Ausdauer dann in den Semester-Ending-Parties zu zelebrieren. Das ist jetzt natürlich sehr hart formuliert. Die unzähligen Stunden für Klausuren, Hausarbeiten und die Bibliothek vernachlässige ich hier jetzt mal, denn worauf ich hinaus möchte: In meinem Studium ist wirklich viel Alkohol geflossen und so wie ich das wahrgenommen habe, ist das für die meisten Studis der normale Alltag. Ich kann mich gar nicht mehr richtig erinnern, wie häufig der Satz „Ab morgen trinke ich nie wieder“ fiel, wenn man sich mit einem bösartigen Kater in die Vorlesung quälte. Manchmal haben wir sogar am gleichen Tag wieder getrunken

In meinem Master-Studium wurde dann alles wieder ruhiger. Meine Bachelor-Clique verteilte sich in ganz Deutschland und insgesamt fühlte sich alles angesichts des näher rückenden Berufseinstiegs sehr viel ernster an. Die großen Parties und enormen Alkoholexzesse blieben aus. Sie blieben glücklicherweise aus, denn wenn ich mich heute kritisch selbst reflektiere, glaube ich, dass der Lebensstil meiner Bachelor-Zeit zwangsweise in eine Alkoholsucht geführt hätte. Parallel dazu befasste ich mich stärker mit meiner Gesundheit und generell damit, was ich konsumiere. Ich wurde vom Vegetarier zum Veganer und hinterfragte stärker, wieso ich meinem Körper das Nervengift „Alkohol“ antue. Ich war der Überzeugung, dass ich bei einem 100% gesunden Lebensstil glücklicher und ausgeglichener sein werde. Außerdem bekam ein enger Verwandter in dieser Zeit eine erschreckende Leber-Diagnose. Auch wenn Alle aus seinem Umfeld die Ursache kannten, konnte er sie sich bis heute nicht eingestehen. All das kam zusammen und so beschloss ich von heute auf morgen keinen Alkohol mehr zu trinken. Im Gegensatz zu meiner Bachelor Zeit habe ich das nicht wieder am gleichen Tag verworfen, sondern bis vor kurzem insgesamt 1,5 Jahre durchgezogen.

Ich fühlte mich wirklich fitter und hatte das Gefühl mein Körper ist rein und stark. Inwieweit das ein Placebo-Effekt war, kann ich nicht beurteilen. Ausgeglichener wurde ich aber nicht. Es gab viele Situationen, die schwerer waren als zuvor. Konzertbesuche machten zwar Spaß, aber ein gemütliches Bier hätte die Abende perfekt gemacht. An Geburtstagen stießen alle an und ich hatte das Gefühl mich hinter meinem Wasserglas verstecken zu müssen. Im Berufsalltag musste ich mich bei vielen Veranstaltungen erklären und rechtfertigen. Man braucht für all diese Events keinen Alkohol, um Spaß zu haben, aber trotzdem sorgt Alkohol für eine gewisse Gemütlichkeit unter Menschen. Wenn man selbst einen komplett konträren Kurs fährt, fühlt man sich schnell aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Im Bezug auf Alkohol habe ich also gelernt, dass ein Schwarz-Weiß-Denken nicht der richtige Weg ist. In unserer Gesellschaft spielt Alkohol eine große Rolle. Trinkt man selbst gar nicht, stößt man auf Gegenwind und macht sich das Leben selbst schwer. Dem Ziel ausgeglichener zu werden, trägt das dann auch nicht unbedingt bei. Vor kurzem beschloss ich also wieder Alkohol zu trinken. Bewusst und gezielt, wenn es zu einer guten Gesamtstimmung beiträgt und nie wieder exzessiv in großen Mengen. So kann ich das mit meiner Gesundheit und mit einem guten Gefühl vereinbaren.

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